Kommentar

Ein Trauerspiel

Archivartikel

Ralf Müller über Horst Seehofers unfreiwilligen Abschied auf Raten: Der Politiker aus Bayern hat den richtigen Zeitpunkt längst verpasst

Nicht nur für Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft gilt: Man sollte zu einem Zeitpunkt gehen, wenn dies noch allseits bedauert wird. Bleibt das Bedauern aus, ist dies ein untrügliches Zeichen dafür, dass man den richtigen Zeitpunkt verpasst hat.

Kanzlerin Angela Merkel hat es gerade noch geschafft, auf ihr Amt als CDU-Vorsitzende zu einem Zeitpunkt zu verzichten, als noch nicht alle ungeduldig mit den Füßen gescharrt haben. Und es gab auch keinen monatelangen zermürbenden Vorlauf in der CDU, bei dem aus allen Ecken und Enden „Merkel muss weg“ ertönte.

Das gegenteilige Schauspiel hat der noch amtierende CSU-Chef Horst Seehofer geboten. Er, der den Rückzug Merkels als „schade“ bedauerte, kann nach seiner gestrigen Ankündigung nur noch pflichtgemäßen „Respekt“ dafür ernten, dass er sich vom Vorsitz zurückzieht. Bedauern wurde zwar auch laut, aber nur von der Opposition darüber, dass Seehofer weiterhin Bundesinnenminister bleibt.

Der 69-Jährige geht nicht aus eigener souveräner Entscheidung, sondern weil ihm nichts anderes übrig bleibt. Und mit dem Beigeschmack, einer zu sein, der an seinen Sesseln klebt. Früher hatte Seehofer keine Probleme, seine Ämter auch mal zur Verfügung zu stellen, wenn er den eingeschlagenen Weg für falsch hielt. Diese konsequente Haltung hat sich offenbar in den letzten Jahren genauso verloren wie sein Gespür für Stimmungen in der Partei und in der Bevölkerung.

Über allem wölbt sich der Verdacht, Seehofer stelle persönliche Aversionen gegen Markus Söder über das Wohl der Partei. Es muss bitter für Seehofer sein zu sehen, dass gerade der nach seiner Ansicht nach „von Ehrgeiz zerfressene“ Parteifreund, der ungezählte „Schmutzeleien“ gegen ihn anzettelte, genau das wird, was er nicht werden sollte, nämlich CSU-Alleinherrscher.

Jedenfalls deutet alles darauf hin, dass Bayerns Ministerpräsident am 19. Januar 2019 zum CSU-Vorsitzenden gewählt wird. Schon kurz nach Seehofers Rückzugserklärung warfen sich zahlreiche CSU-Politiker für Söder in die Bresche, während der einzige mögliche Alternativkandidat Manfred Weber wegen seines Europa-Engagements kaum Chancen hat.

Doch Söder scheint gar nicht so erpicht darauf zu sein, die ganze Macht zu übernehmen. Das mag daran liegen, dass sich der Freistaat leichter regieren lässt, wenn man nicht auch noch die Bundespolitik der CSU als Parteivorsitzender mitverantworten muss. Aber man darf sicher sein: Markus Söder wird seine Anhänger nicht enttäuschen, wenn sie ihn laut genug rufen.

Bleibt die Frage: Was wird aus dem Bundesinnenminister Seehofer? In seiner Partei gibt es zwar auch Stimmen, dass er konsequenterweise ebenfalls das Bundeskabinett verlassen sollte, doch die sind nicht sonderlich laut und drängend. Wenn Merkel ohne den CDU-Vorsitz weiterhin Kanzlerin sein kann, warum dann nicht auch Seehofer ohne den CSU-Vorsitz?