Kommentar

Die Fasnacht lebt

Peter W. Ragge zieht eine kritische Bilanz der Kampagne

Beim Kindermaskenball in den Reiss-Engelhorn-Museen mussten junge Besucher abgewiesen werden, so restlos ausverkauft war er. Für die Bürgersitzung am Rosenmontag gab es schon seit zwei Wochen keine Tickets mehr. Beide Veranstaltungen sind erst vier Jahre alt – und doch rasant schnell zu Erfolgsgeschichten geworden.

Das zeigt: Die oft totgesagte Fasnacht lebt – wenn man es richtig macht, die richtigen Veranstaltungskonzepte umsetzt.

Natürlich hat, wie in der gesamten Gesellschaft, ein Wandel stattgefunden – und die Fasnacht ein Monopol verloren. Früher durfte man nur an den „tollen Tagen“ feiern, nur da kritisch und lustig sein. Das ist in Zeiten ständiger Partys und im Fernsehen wie den Arenen allgegenwärtiger Comedians längst vorbei. Die riesigen Bälle und Feten der 1970er Jahren im Rosengarten gehören, unter anderem aus Kosten- und Sicherheitsgründen, schon lange der Vergangenheit an. Rigide Auflagen machen nicht nur Narren das Leben immer schwerer.

Es gibt aber weiter, das kann man zum Ende der Kampagne erfreut feststellen, quer durch die Stadt nach wie vor ausverkaufte Prunksitzungen und Feste – gerade in den Vororten, solange die passenden Räume zur Verfügung stehen. Es gibt erfrischend fröhliche Abende, genügend Nachwuchs bei Elferräten, junge Akteure mit ansteckendem Enthusiasmus, bei Partygästen wieder einen Trend zum Kostümieren und Garden mit so viel Zulauf, dass ihre Trainingsräume nicht groß genug sind.

Nicht alle Vereine überleben

Aber es gibt auch das Gegenteil.

Wer den Unterschied zwischen bewahrenswerter Tradition und Regeln als Selbstzweck nicht erkennt, wird irgendwann die Tradition gar nicht mehr pflegen können. Wer herumwurstelt wie immer und sich Marketing-Selbstverständlichkeiten verweigert, kann keine neuen Zuschauer gewinnen. Wo Karnevalsvereine nur der Eitelkeit ordensgeschmückter Funktionäre mit Pelzbesatz auf der Narrenkappe dienen, die uralte Animositäten austragen, haben sie keine Zukunft. Wo interne Querelen überwiegen, wenden sich Publikum und Akteure ab. Daher werden sicher und mit Recht nicht alle Karnevalsvereine überleben – die Fasnacht selbst aber, die lebt.

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