Kommentar

Chaos in Cannstatt

Marc Stevermüer zur Situation des VfB Stuttgart

Es gab mal eine – zugegeben recht kurze – Zeit, da erweckte der VfB Stuttgart den Eindruck, als habe er aus den unzähligen Fehlern der Vergangenheit gelernt. Im Sommer 2016 war das, nachdem der Club zuvor nach Jahren des selbstverschuldeten Niedergangs mit dem Bundesligaabstieg die redlich verdiente Quittung erhalten hatte. Mit Jan Schindelmeiser kam ein fraglos menschlich unbequemer Manager, aber er entwickelte etwas, was der VfB lange Zeit nicht hatte: eine Strategie. Dank des jungen Trainers Hannes Wolf, dem eine talentierte Mannschaft mit dem damals gänzlich unbekannten und jetzigen Weltmeister Benjamin Pavard zur Verfügung gestellt wurde, gelang der Aufstieg – und alle waren sich einig: Mit seinem entwicklungsfähigen Team samt eines dazu passenden Trainers ist der Verein auf dem richtigen Weg.

Die Großmannssucht setzte aber recht schnell wieder ein. Von der baldigen Rückkehr ins europäische Geschäft sprach Präsident Wolfgang Dietrich, es folgten die Entlassungen von Schindelmeiser und Wolf.

Das Sagen hat seitdem Sportvorstand Michael Reschke, dessen Bilanz sich verheerend liest. Mit ihm begann das Chaos von Cannstatt. In vollen drei Transferperioden hat er es nicht geschafft, eine harmonierende Mannschaft zusammenzustellen. Wahllos wurde zugegriffen, auf Namen statt auf Leistung geschaut. Längst ist angesichts der Vielzahl an Transfer-Flops von der Reschke-Rampe die Rede.

Die zentrale Frage lautet deshalb: Ist der Trainer Markus Weinzierl zu schlecht oder muss er nur die Versäumnisse des Sportvorstands ausbaden? Der Coach hat gewiss kein Argument für seinen Verbleib hervorgebracht. Aber: Der Alleinschuldige ist er nicht. Das weiß auch Reschke, weshalb er seinem Trainer eine Gnadenfrist gibt. Sollte es nämlich mit Weinzierl nicht klappen, muss zwangsläufig über den Sportvorstand diskutiert werden. Und der ist eigentlich schon jetzt gescheitert.

 
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