Kommentar

Basis ist Boss

Archivartikel

Stefan Vetter hält mehr innerparteiliche Demokratie bei der SPD für überfällig – jetzt muss das Spitzenduo gefunden werden

Immerhin: Gut drei Wochen nach dem Überraschungsrückzug von Andrea Nahles aus allen politischen Ämtern weiß die SPD nun schon mal, wie sie zu einer neuen Führungsspitze kommen will. Nur, wer die Partei aus dem tiefen Tal der Tränen führen kann (und will), das steht in den Sternen. Damit verschafft sich die SPD allenfalls eine kleine Verschnaufpause.

Gleichwohl haben Präsidium und Vorstand am Montag ein neues Kapitel in der Geschichte der Sozialdemokraten aufgeschlagen. Und dabei drängen sich auch Parallelen zu den Grünen auf – im Guten wie im Schlechten. „Basis ist Boss“, hieß die Losung, unter der die Grünen bei der letzten Bundestagswahl ihre beiden Spitzenkandidaten bestimmt hatten. Dieses Prinzip macht sich nun auch die SPD zu eigen, was der innerparteilichen Demokratie zweifellos guttun wird. Bislang war die Partei ein Meister darin, ihr Führungspersonal im stillen Kämmerlein auszukungeln. Zum wachsenden Ärger vieler Genossen. Ihre Einbindung bei wichtigen Personalentscheidungen ist überfällig. Allerdings sollte die kollektive Weisheit auch nicht überschätzt werden. Bislang durften die Mitglieder nur ein einziges Mal bestimmen, wer den Vorsitz übernimmt. Das war 1993, als sich Rudolf Scharping gegen zwei Mitbewerber durchsetzte. Dem Aufbruch folgte allerdings schnell der Katzenjammer. Schon zwei Jahre später wurde Scharping von Oskar Lafontaine weggeputscht. Auch eine Urwahl ist also kein Garant für die Etablierung eines charismatischen und führungsstarken Vorsitzenden.

Ähnlich verhält es sich mit einer Doppelspitze, auf die die SPD nach dem Willen der Basis nun zusteuert. Ein Vorteil ist sicher, dass sich die Arbeit dadurch auf mehrere Schultern verteilt. Auch würde gewissermaßen Waffengleichheit herrschen, wenn man sich mit dem engsten Führungskreis der Union trifft. Die besteht bekanntlich aus CDU und CSU, also sitzen da auch immer zwei Vorsitzende am Tisch. In einer Doppelspitze sollte allerdings der feste Wille da sein, miteinander auszukommen, anstatt sich zu blockieren.

Mittlerweile ist der SPD-Vorsitz zum Himmelfahrtskommando geworden. Umso schwieriger dürfte es werden, ein zweiköpfiges Team zu finden, das Spaß und Lust am Führen hat, und von dem nichts weniger erwartet wird, als die Partei neu zu erfinden. Vielleicht ist es die letzte Chance der SPD, um nicht endgültig in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.

 
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