Kommentar

Aufwachen, DFB!

Archivartikel

Sebastian Koch zur Gewalt im Amateurfußball

Ein Fußballspieler foult. Der Schiedsrichter pfeift. Freistoß. Gelbe Karte. Diskussionen. Beschwichtigungen. Das Spiel wird wieder angepfiffen. Szenen wie diese sind am Wochenende Alltag auf Deutschlands Fußballplätzen. Im Profi- wie auch im Amateurbereich, in Jugend- wie auch in Seniorenspielen.

Und doch lösen die Szenen in diesen Tagen Besorgnis aus. Die viel beschworene „schönste Nebensache der Welt“ – sie ist oft gar nicht mehr so schön. Und als Nebensache darf sie schon gar nicht mehr abgestempelt werden, wenn Schiedsrichter auf dem Platz um ihre Gesundheit fürchten müssen. Ja, angesichts des Vorfalls in Hessen, wo ein Schiedsrichter während eines Amateurspiels bewusstlos geprügelt worden war, ist man fast geneigt zu sagen: Schiedsrichter müssen unter Umständen gar um ihr Leben fürchten.

Verantwortliche haben das Thema „Gewalt gegen Schiedsrichter“ lange kleingehalten. Fast verniedlicht. Dass der Vorsitzende des Mannheimer Fußballkreises, Harald Schäfer, Gewalt auf dem Platz, auch gegen Gegenspieler und Zuschauer, durch Emotionen rechtfertigt, spricht Bände – und lässt erahnen, was beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) sowie seinen Verbänden und Kreisen schiefgelaufen ist.

Zwar startet der DFB immer wieder Kampagnen gegen Gewalt. Für das Ehrenamt. Beteuerungen, man sei zuständig für die Gesundheit aller – also auch für die der Schiedsrichter. Das ist gut gemeint, letztendlich aber reiner – um es passend auszudrücken – Schönwetterfußball. Denn nun lässt sich sagen: Es war zu wenig.

Das System Amateurfußball befindet sich auf dem besten Weg, sich selbst zu zerstören. Vor den Augen aller – auch vor denen des DFB.

Der ist jetzt gefordert, wirklich aktiv für einen besseren Schutz der Schiedsrichter einzutreten. Dafür muss Geld in die Hand genommen werden: Ordner müssen auch im Amateurfußball professionell geschult werden. Betreuer für Gewaltkonflikte sensibilisiert werden. Außerdem müssen Diskussionen mit dem Schiedsrichter schneller und härter geahndet werden. Eine gelbe Karte schreckt wenig ab. Eine Zeitstrafe im Seniorenbereich, wie im Handball oder Eishockey, ist daher zumindest eine Überlegung wert.

Und den Fußball-Nostalgikern, die sich mit Änderungen schwertun, sei gesagt: lieber noch eine Regelerneuerung als gar kein Fußball mehr. Schließlich soll der auch für Schiedsrichter die schönste Nebensache der Welt sein.

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