Kino

Stimmung vor dem Weltkrieg

„Sunset“: Der ungarische Regisseur László Nemes setzt das aufgeregte Leben in Budapest in Szene

Gleich mit seinem Regiedebüt gelang dem ungarischen Regisseur László Nemes vor einigen Jahren ein enormer Erfolg: „Son of Saul“ wurde mit Preisen überhäuft und gewann schließlich den Auslands-Oscar. Tatsächlich gelang es ihm, die Gräuel der NS-Zeit auf bisher ungesehene Weise einzufangen. Die Kamera blieb immer nah an der Hauptfigur – als Zuschauer hatte man das beklemmende Gefühl, direkt in einem Vernichtungslager mit dabei zu sein.

Wenn ein Regisseur allerdings gleich für sein Debüt dermaßen gefeiert wird, muss das nicht nur Segen sein. Schließlich ist der Druck dann für den nächsten Film umso höher. László Nemes legt nun sein Nachfolgewerk vor: Bei „Sunset“ bleibt er sich inszenatorisch treu. Wieder folgt die Kamera der Hauptfigur auf Schritt und Tritt. In einem Großteil der Szenen sieht man nur das Gesicht der 21-jährigen Irizs Leiter (Juli Jakab), die zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Budapest kommt.

Ihren Eltern gehörte einst ein bekannter Hutladen. Die Eltern kamen um, doch das Geschäft gibt es weiterhin. Dort möchte die junge Frau nun arbeiten, wird aber abgelehnt. Fortan zieht es sie durch die Stadt, wo sie von einem Bruder erfährt, der ein Mörder sein soll. Nebenbei saugt sie die Atmosphäre der Stadt auf – kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges steigt die Anspannung.

Unnahbare Hauptfigur

Die Stimmung in der ungarischen Hauptstadt gleicht einem stark erhitzten Kessel. Immer wieder rennen Menschen aufgescheucht umher. Nachts fallen Schüsse, Pferdewagen fahren durch die Gegend, und zwischen dem Chaos versucht Iris, etwas zu finden – erst eine Anstellung, dann ihren Bruder, später Selbstbestimmung.

Die Newcomerin Juli Jakab, mit der Nemes schon in „Son of Saul“ zusammenarbeitete, füllt ihre Rolle nicht wirklich aus. Die Kamera rückt ihr Gesicht permanent in den Fokus, da wäre ein nuanciertes Mienenspiel wichtig, um Emotionen auszudrücken – doch Jakab belässt es bei einem einzigen Gesichtsausdruck. Da man wenig über die Figur und deren Hintergründe erfährt, bleibt sie innerhalb der zweieinhalb Filmstunden unnahbar.

Nur selten bricht Kameramann Mátyás Erdély aus seiner Perspektive aus. Doch wenn er das tut, wird aus „Sunset“ ein wunderschöner Film. Die Inszenierung der Stadt Budapest im Jahre 1912 ist so voller Detailreichtum, die Kostüme, die Hutkreationen, die Pferdekutschen und die sich den Umständen in Gestus und Sprechweise perfekt anpassenden Darsteller erwecken die ungarische Metropole zum Leben. Überall lodern kleine Brandherde, der kurz bevorstehende Erste Weltkrieg liegt in der Luft.

Trotzdem sollen wir vor allem Irisz auf ihrer (Sinn-)Suche folgen, ohne je mit so etwas wie einer Auflösung belohnt zu werden. Wenn Irisz zwischendrin ein Paar beobachtet, wie es obskure sexuelle Begierden auslebt, weiß man nicht, ob das eine Randnotiz ist oder eine konkretere Bedeutung hat. Das gilt auch für die Bezüge zu Literatur- und Filmklassikern, die Nemes einstreut. Bei alledem wird sich der Filmemacher sicher etwas gedacht haben. Doch ob sich all diese Gedanken auch für das Publikum erschließen, bleibt fraglich.