Kino

Serienmord an der Themse

Archivartikel

"The Limehouse Golem": Regisseur Juan Carlos Medina realisiert, unterstützt von Bill Nighy, beste Gruselunterhaltung

Mit dem "Theatre Regulation Act" aus dem Jahr 1843 verloren die Londoner Theater ihr Privileg für Bühnenaufführungen, es schlug die Stunde der Music Halls. (Deftige) Unterhaltung wurde hier geboten, Tanz- und Gesangsnummern kamen zur Aufführung, mit (anzüglichen) Witzen wurde nicht gespart. Später weltbekannte (Leinwand-) Komiker wie Charles Chaplin erlernten hier ihr Handwerk, eine Berühmtheit war der 1860 als George Wild Galvin geborene, überaus vielseitige Dan Leno.

Längst vergessen ist der ehemals hoch bezahlte Revuestar, den Regisseur Juan Carlos Medina ("Painless") nun wieder zum Leben erweckt. Auf dem Roman von Peter Ackroyd fußt "The Limehouse Golem", das Skript stammt von Jane Goldman. Die verruchte (Halb-) Welt des Varietés erweist sich als perfektes Setting für diesen (Schauer-)Thriller, in dem ein brutaler Serienmörder im Stile "Jack the Rippers" für reichlich Schrecken sorgt.

1880 treibt er im titelgebenden Bezirk der Themsemetropole sein Unwesen. An den Tatorten hinterlässt er in lateinischer Sprache verfasste, mit dem Blut seiner Opfer geschriebene Botschaften. Die Taten sind derart grausam, dass viele annehmen, sie wären von einem Golem, einer aus Lehm geformten mythischen Kreatur der jüdischen Literatur, begangen worden. Der von seinem Vorgesetzten wegen seiner Homosexualität verachtete Inspektor John Kildare (Bill Nighy) soll den Fall lösen und dafür sorgen, dass wieder Ruhe in der Bevölkerung einkehrt. Im Laufe der Ermittlungen stoßen der Polizist und dessen aufrechter Assistent Flood (Daniel Mays) bald auf den schillernden Leno (Douglas Booth), die Attraktion eines populären, vom zwielichtigen "Uncle" (Eddie Marsan) geführten Etablissements. Hier tritt auch Elizabeth Cree (Olivia Cooke) auf, die bald hinter Gittern landet, weil sie angeblich ihren Mann vergiftet hat. Sie avanciert zur Hauptverdächtigen, wird verurteilt und soll hingerichtet werden. Kildare ist aber nicht von ihrer Schuld überzeugt und konzentriert sich auf vier andere Verdächtige - unter ihnen Schriftsteller George Gissing sowie der Philosoph Karl Marx.

Als komplexes Whodunit entpuppt sich dieser atmosphärisch fotografierte (Kamera: Simon Dennis), spannend inszenierte Kriminalfall. Die Suche nach dem Mörder ist dabei so faszinierend und hintergründig wie die Tatsache, wer sich als Killer entpuppt. Immer neue Wendungen nimmt die Story, ist ein Rätsel (vermeintlich) gelöst, tun sich zwei weitere auf. Dabei behält Medina alle Fäden in der Hand, wechselt versiert zwischen den Zeitebenen und schafft es nebenbei, ein präzises Bild der damaligen Gesellschaft zu zeichnen.

Nighy ("Tatsächlich... Liebe") mit zerknittertem Gesicht und undurchdringlichem Blick ist als Detektiv perfekt besetzt, ideal ergänzt ihn der leicht tölpelhafte Mays ("Abbitte"), der auch ein Geheimnis birgt. Als Art klassische "femme fatale" erweist sich die zunächst so unschuldig erscheinende Olivia Cooke ("Ouija"), für den Sexappeal sorgt María Valeverde ("Der Wein und der Wind") als deren eifersüchtige Konkurrentin Aveline, gewohnt zuverlässig agiert auch der vielseitige Marsan ("Happy-Go-Lucky"). Die Grenzen zwischen Schuld und Unschuld verwischen, zwischen Spiel und Wirklichkeit lässt sich kaum mehr unterschieden. Eine vertrackte Verbrecherjagd - und ein Grusler, der seinen Namen wirklich verdient.