Kino

Perfektes Melodrama

"Meine Cousine Rachel": Roger Michell und Rachel Weisz beweisen Gespür für Literatur

Wenn es um gut gemachte, unterhaltsame Kostümfilme geht, ist Roger Michell - siehe "Jane Austens Verführung" oder "Hyde Park am Hudson" - der richtige Mann. Jetzt hat sich der Südafrikaner einen Stoff von Daphne du Maurier ("Rebecca") vorgenommen - ihren 1951 veröffentlichten Roman "Meine Cousine Rachel", der bereits ein Jahr nach seinem Erscheinen von Henry Koster mit Olivia de Havilland und Richard Burton verfilmt und 1983 von der BBC als vierteilige Miniserie adaptiert wurde.

Nahe an der Vorlage bleibt der Regisseur, ganz der Absicht der 1989 verstorbenen Autorin verpflichtet, das Rätsel um Rachels wahres Wesen zu bewahren. Ist sie eine herzensgute Frau, eine Betrügerin, eine Erbschleicherin gar? Das muss sich Philip Ashley (Sam Clafin) fragen als er erfährt, dass sein Cousin und Vormund Ambrose gestorben ist. Der Mann, der ihm wie ein Vater war, hatte sich wegen seiner angeschlagenen Gesundheit zur Kur nach Italien begeben. Dort lernte er Rachel (Rachel Weisz) kennen, die er kurz darauf ehelichte. Nun lassen ein paar Zeilen aus Ambroses Briefen in Philip den Verdacht keimen, dass seine angeheiratete Cousine, die er noch nie gesehen hat, etwas mit dem Tod seines Mentors zu tun haben könnte.

Doch als Rachel eines Tages in England auftaucht, ist es mit Vorbehalten vorbei. Vielmehr verfällt er der bildhübschen, wortgewandten und verarmten Witwe, die im Testament nicht bedacht wurde. Er bringt sie auf dem Gut unter und macht ihr den Hof - unter dem besorgten Blick seines Paten Nick Kendall (Iain Glen) und dessen Tochter Louise (Holliday Grainger), die wiederum in Philip verliebt ist.

Dreh- und Angelpunkt des Films ist die großartig aufspielende Oscar-Preisträgerin Weisz ("Der ewige Gärtner"). Wie ein Chamäleon verwandelt sie sich als Rachel von Szene zu Szene, gibt mal die leidenschaftliche Südländerin, mal die frivole Lebedame, um im nächsten Moment als raffinierte Intrigantin zu erscheinen. Claflin ("Ihre beste Stunde") hält tapfer dagegen, ihm nimmt man die Naivität, seine Verletzlichkeit und Impulsivität sofort ab. Und auch die Tatsache, dass er es - wie der Zuschauer - nicht schafft, Rachel zu durchschauen. Mit Geld und Geschenken versucht er sie an sich zu binden, bis ihr ablehnendes Verhalten sein Misstrauen weckt - könnte es gar sein, dass sie ihm nach dem Leben trachtet?...

Konvention verpflichtet

Bemerkenswert - und durchaus auf die heutige Zeit übertragbar - ist der Blick des Filmemachers auf die Lage seiner Heldin. Ungesichert ist sie, trotz ihrer Stellung in der Gesellschaft von der Gunst der Männer abhängig. Dagegen wehrt sich Rachel mit allen Mitteln - und das macht sie zur modernen Frau, zur Sympathieträgerin, auf deren Seite man sich schlägt. Ansonsten bleibt das Werk den Konventionen des Genres verpflichtet.

Wunderschön wogen in der saftiggrünen Kulisse Südenglands die Getreidefelder, auf den Wiesen weiden Schafe, leise rascheln prachtvolle Kostüme, gediegenes Landgutflair atmet die Ausstattung. Und selbst klassische Gruselmomente werden nicht vergessen. Beispielsweise wenn der Wind Notenblätter vom Pult weht oder die Perlen einer abgerissenen Kette die Treppenstufen hinunter hüpfen. Melodramatischer geht es kaum - aber hier passt das perfekt.