Kino

Ihr da oben, wir da unten

„Glücklich wie Lazzaro“: Alice Rohrwacher dreht eine Heiligenlegende, die zugleich ein politisches Manifest ist

„,Glücklich wie Lazzaro’ ist die Geschichte eines unscheinbaren Heiligen, der keine Wunder vollbringt, der über keine besonderen Fähigkeiten verfügt (...), ein Heiliger, der in dieser Welt lebt und von niemandem etwas Böses denkt, der immer an die Menschen glaubt.“ So Alice Rohrwacher, die für ihr poetisches (Sozial-)Drama auf den Filmfestspielen in Cannes mit dem Preis fürs beste Drehbuch ausgezeichnet wurde.

Eine Geschichte von der Möglichkeit des Gutseins legt sie vor, in Form eines Polit-Manifests, eines Märchens und – wie sie sagt – eines Liedes. Der Tradition des italienischen Kinos ist sie verpflichtet, dem Neorealismus von Luchino Visconti („Die Erde bebt“) ebenso wie den Traumwelten Federico Fellinis („Amarcord“) oder den marxistischen, gesellschaftskritischen Diskursen von Pier Paolo Pasolini („Accattone“). Ein proletarisches, nicht verklärtes Italien lässt sie auferstehen, das dem kollektiven Gedächtnis erhalten bleiben muss.

Schauplatz ist zunächst ein abgeschiedenes Landgut im Nirgendwo. Die Marquesa Alfonsina de Luna (Nicoletta Braschi), dem Faschismus Mussolinis verhaftet, herrscht mit harter Hand über ihre Arbeiter. Lazzaro (Adriano Tardiolo) ist einer von ihnen, ein junger Mann, duldsam, etwa einfältig. Eines Tages besucht Tancredi (Luca Chikovani), Sohn der Markgräfin, das Anwesen. Zwischen ihm und Lazzaro entwickelt sich eine ungleiche Freundschaft, die sich jedoch von Dauer erweist, selbst nach dem „großen Betrug“, der Lazzaro auf der Suche nach Tancredi in die Großstadt führt...

Zeitlos trotz Walkman

Zeitlos ist dieser Film, trotz des Walkmans, der einen Hinweis darauf gibt, wann er spielt. Ein kleiner Fluss, ein Erdrutsch, haben diese von der Moderne abgetrennte Enklave geschaffen. Keine Polizei, keine Steuereintreiber, nur die Willkür der Gutsherrin und ihres Verwalters. Eine hierarchische Gesellschaft, am unteren Ende der sympathische Lockenkopf, von Newcomer Tardiolo gekonnt naiv interpretiert. Ob seiner Gutmütigkeit wird er ausgebeutet, muss den Hühnerstall bewachen, Kaffee brühen, die Ernte einbringen und die Großmutter ins Bett tragen... grobe Anweisungen, Zurechtweisungen, kein Dank. Feudale Strukturen, die immer noch Gültigkeit besitzen.

Dann stürzt Lazzaro von einem Felsen zu Tode. Nur um kurz darauf wieder aufzuerstehen. Ein Blick in die Bibel, kurze Recherchen zu den Mythen, die Lazarus umgeben, verraten viel über dieses Werk und seine mystischen Wendungen. In der Metropole – und in der schwächeren zweiten Hälfte –angekommen, spiegelt das urbane Elend die ländliche Armut. Die heutigen Tagelöhner sind hier die Migranten. Mit Gaunereien schlagen sie sich eher schlecht als recht durch – nicht einmal in der Kirche, wohin Orgeltöne den braven Titelhelden und seine neu gefundene Familie locken, sind sie willkommen.

Parabel über den Wandel

Eine Parabel über den vermeintlichen historischen Wandel, die entlarvt, wie wenig sich im Prinzip im letzten Jahrhundert geändert hat. Die Filmemacherin hat den Finger am Puls der Zeit. Sie stellt unbequeme Fragen, nach Menschlichkeit, nach Gerechtigkeit. Eher assoziativ als stringent geht sie vor, wird nie laut, bleibt freundlich, zurückhaltend. Eine perfekte Komplizin steht ihr in Person der erfahrenen Kamerafrau Hélène Louvart zur Seite, auf Super-16-Filmmaterial hat diese gedreht – mit wunderbar realistischen Bildern als Ergebnis, die Licht und Schatten, Farben und Kontraste perfekt einfangen und zum Träumen einladen.