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Fast jeder Schuss ein Treffer

Archivartikel

„Kroos“: Dokumentarfilmer Manfred Oldenburg porträtiert den Greifswalder Fußballer

Bei der Popularität, die der Fußball hierzulande genießt, ist es eigentlich verwunderlich, dass doch vergleichsweise wenige Kinofilme um des Deutschen liebstes Spiel kreisen. Wirklich erfolgreich waren in dieser Kategorie lediglich „Das Wunder von Bern“ und „Deutschland. Ein Sommermärchen“, beide in Szene gesetzt von Sönke Wortmann, der auch als Freizeitkicker eine überaus gute Figur macht, was er auf den Hofer Filmtagen regelmäßig unter Beweis stellt. Da steht er in den Reihen des FC Filmwelt, einer Auswahl von Schauspielern, Regisseuren und Produzenten, die alljährlich gegen das Team der Festivalmitarbeiter antritt.

Was speziell Dokumentationen betrifft: Außer hartgesottenen Anhängern kennt kaum jemand „Hoffenheim – Das Leben ist kein Heimspiel“ oder „Union fürs Leben“, selbst der Klassiker „Profis“, in dem sich Christian Weißenborn und Michael Wulfes anhand der Saison 1978/79 kritisch mit dem FC Bayern auseinandersetzen, ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Im Fokus stehen da Paul Breitner und Uli Hoeneß, geben freizügig Auskunft, mal mit nacktem Oberkörper, gemeinsam auf einem Bett lümmelnd.

Eine so lockere, ehrliche Annäherung ist heutzutage nicht mehr möglich. Medienberater, persönliche Assistenten, Vereinsvorschriften, Statuten – der Profi von heute muss sich seine Worte wohl überlegen, treu zum Club stehen, ausschließlich auf dem Feld zeigen, was er kann. Es gilt schließlich, das Spitzensalär zu rechtfertigen, sich für die kommende Gehaltsverhandlung oder den nächsten potenziellen Arbeitgeber in Stellung zu bringen. Davon erzählt „Kroos“ freilich nur im Subtext, jedoch unmissverständlich. Das Augenmerk liegt auf dem titelgebenden Mittelfeldspieler, glaubt man Erfolgstrainer Jupp Heynckes einer der Besten unserer Tage. Seinen Überblick lobt er, sein Spielverständnis. Denn: „Im Hirn wird viel mehr entschieden als mit den Füßen“.

Eine Eloge, eine von vielen. Ermöglicht durch den exklusiven Zugang zu den sonst verschlossenen Backstage-Bereichen des Weltfußballs, den man Regisseur Manfred Oldenburg gewährte. Mehrfach wurde er für seine Sportfilme bereits ausgezeichnet, etwa mit dem Deutschen Fernsehpreis für „Das Wunder von Bern – Die wahre Geschichte“. Zu Wort kommen Sport-Ikonen wie Gareth Bale, Luka Modric und Sergio Ramos, Coach-Legenden wie Zinédine Zidane und Pep Guardiola, die Club-Präsidenten von Real Madrid und FC Bayern, Florentino Pérez und Hoeneß, der den 16-Jährigen einst zum FC Bayern holte. Fans wie Sänger Robbie Williams suchen genauso eine Erklärung für das „Phänomen Kroos“ wie der Publizist Wolfram Eilenberger oder der TV-Experte Marcel Reif.

Bilder aus Kindertagen

Eine Liebeserklärung an, ein Porträt über Toni Kroos. Von seinen Anfängen in Greifswald bis nach Madrid geht es – mit Stationen in München und Leverkusen, Sternstunden wie der Weltmeisterschaft 2014 und dem dreifachen Champions League-Gewinn, in den Jahren 2016 bis 2018, aber auch mit Tiefpunkten wie dem verpatzten „Finale Dahoam“, 2012 in der Isarmetropole, oder der WM in Russland 2018. Ein paar überraschende Einblicke in das Leben eines außergewöhnlichen Sportlers bekommt man geboten, Oma und Opa – „die Gelassenheit hat er von seiner Großmutter“ – kommen zu Wort, Mutter Birgit, Papa Roland, sein erster Trainer, Bruder Felix, ebenfalls Fußballer, zurzeit bei Union Berlin, und Gattin Jessica.

Ergänzt werden die Statements durch Bilder und Filme aus Kindertagen sowie Ausschnitten aus Schlüsselspielen mit entsprechenden Analysen und vielen Zeitlupenaufnahmen. Vorzüglich ist die Bildqualität, in 4K-Auflösung hat Johannes Imdahl („Nowitzki. Der perfekte Wurf“) gefilmt. In der Ruhe liegt die Kraft dieses Filmes – genauso wie bei dem Mann, dessen Leben hier nachgezeichnet wird. Ein Fan-Film, auch für Sportmuffel durchaus geeignet.