Kino

Eine Frau sieht rot

„Destroyer“: Karyn Kusama schickt im Neo-Noir-Thriller Nicole Kidman auf Verbrecherjagd

Knapp 20 Jahre alt war sie, als sie für ihre Rolle in der TV-Miniserie „Vietnam“ zur besten (Serien-)Schauspielerin Australiens gekürt wurde: Nicole Mary Kidman, genannt „Nic“, heute einer der schillerndsten Stars von Hollywood. 1989 gelang dem ehrgeizigen, 1967 auf Hawaii geborenen Rotschopf mit dem Part in Phillip Noyces Thriller „Todesstille“ der internationale Durchbruch.

Danach ging es steil bergauf: „Tage des Donners“, „To Die For“, „Dogville“, Stanley Kubricks „Eyes Wide Shut“… Für „Moulin Rouge“ gab es für die singende Diva („Sparkling Diamonds“) und vierfache Mutter 2002 die erste Oscar-Nominierung, ein Jahr später durfte sie die heiß ersehnte Trophäe als Schriftstellerin Virginia Woolf in „The Hours“ dann in Händen halten. Eine Erfolgsstory, jedes „Lore“-Romans würdig.

Taffe Polizistin

Sich ihres Könnens bewusst, probiert sich der populäre Export aus „Down Under“ in letzter Zeit in den unterschiedlichsten Rollen aus – sie will sich in keine Schublade stecken lassen, wie der überzeugende Auftritt in Jean-Marc Vallées hoch gelobter Mini-Serie „Big Little Lies“ oder ihr Ausflug ins Superheldenfach mit „Aquaman“ beweisen.

Nun Kidman noch einmal anders: als taffe Polizistin Erin Bell, ungeschminkt, mit blutunterlaufenen Augen. Dem LAPD, der Polizei von Los Angeles, gehört sie in „Destroyer“ an, einem Neo-Noir-Thriller von Karyn Kusama („Jennifer’s Body“), die eine Vorliebe für beinharte Genrearbeiten hat.

Zu einem Tatort wird Bell gerufen. In ein heruntergekommenes Viertel der „Stadt der Engel“. Wohl ein Routinefall. Doch dann deuten Indizien darauf hin, dass eine Person aus ihrer Vergangenheit zurückgekehrt ist: Silas (Toby Kebell), der Mann, der sie vor 17 Jahren zur innerlich wie äußerlich gebrochenen Frau gemacht hat. Als FBI-Undercoveragentin war sie dem Verbrecher mit ihrem damaligen Partner Chris (Sebastian Stan) auf der Spur. Die Ermittlungen endeten in einer Katastrophe. Jetzt scheint die Gelegenheit gekommen, die Fehler wieder gut zu machen, den Gangster zur Strecke zu bringen.

Ein Routineplot nach dem Drehbuch des eingespielten Autorenteams Phil Hay und Matt Manfredi („R.I.P.D.“), dutzendfach durchdekliniert. Schritt für Schritt kommt die Polizistin dem Täter näher. Ein Gangmitglied nach dem anderen wird befragt und aus dem Weg geräumt. Eine Frau sieht rot – teilt kräftig aus, steckt mächtig ein. Hinzu kommen ein paar Rückblenden, die die Ereignisse in Beziehung setzen. Unnötig eigentlich, eine Spielerei. Zur Story trägt dieser erzählerische Kniff nicht wirklich bei und hilft dem Actioner nicht über das Mittelmaß hinaus. Die Figuren sind zu schablonenhaft gezeichnet, der Seelenpein der (Anti-)Heldin bleibt Behauptung.

Furiose Kampfszenen

Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass man Kidman gerne zusieht. Mit vollem Körpereinsatz geht sie zur Sache, beweist Mut zur Hässlichkeit und steht ihren männlichen Kollegen, altbekannten Rächern wie Charles Bronson oder Liam Neeson, in nichts nach.

Hinzu kommt das gute Gespür der Regisseurin für die richtige Atmosphäre sowie ihr Talent, Kampfszenen ansprechend furios umzusetzen. Stimmig sind auch Look und Ausstattung, die Schauplätze von L.A. werden optimal genutzt und von Kamerafrau Julie Kirkwood („The Monster“) präzise – sprich trist und trostlos – eingefangen. Ein B-Picture mit A-Star, handwerklich sauber abgespult, für einschlägige Fans durchaus geeignet. Wer aber nach dem künstlerischen oder gar dem feministischen Aspekt sucht, sucht vergebens.