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Eine Frau sieht rot

Archivartikel

„Peppermint – Angel of Vengeance“: Pierre Morel schickt von Jennifer Garner agil gespielte Heldin auf Rachefeldzug

Jennifer Garner schaltet wieder in den Action-Modus. Das kennt man. So war sie etwa die Superagentin Sydney Bristow der TV-Serie „Alias“ oder die Titel gebende Auftragskillerin in „Elektra“. Auf dramatische Parts und Auftritte in Komödien wie „Die Coopers – Schlimmer geht nimmer“ hatte sich die durchtrainierte Golden-Globe-Gewinnerin zuletzt konzentriert, jetzt aber stellt sie erneut ihre Kernkompetenz unter Beweis: „Ich hatte seit elf Jahren keine Kampfsequenz gedreht, aber ich wusste, dass ich es noch konnte. Der körperliche Aspekt von Riley hat mir geholfen, ihre Verzweiflung und die emotionale Motivation hinter ihren Rachegefühlen zu verstehen.“

Nach einem brutalen Überfall auf ihre Familie, bei dem ihr Mann – er hat sich unwissentlich mit Gangsterboss Diego Garcia (Juan Pablo Raba) angelegt – und ihre Tochter ums Leben kommen, liegt sie als Riley North im Koma. Aus diesem erwacht, stellt sie fest, dass von Polizei und Justiz keine Hilfe zu erwarten ist, die Mörder sogar von den Behörden gedeckt werden. Also beschließt die Frau, die Gerechtigkeit in die eigene Hand zu nehmen. Akribisch bereitet sie sich auf ihren Rachefeldzug vor. Die einst gesetzestreue Bankerin wird zur gnadenlosen Guerillakämpferin, die in der Unterwelt von Los Angeles aufräumt...

„Peppermint – Angel of Vengeance“ erinnert an „Death Wish“, die Wiederauflage des Charles-Bronson-Klassikers „Ein Mann sieht rot“, in dem Bruce Willis als Chirurg (!) jüngst den gewaltsamen Tod seiner Lieben ahndete. Einziger Unterschied: Aus dem gnadenlosen Rächer hat der in Sachen Hau-Drauf-Unterhaltung erfahrene Drehbuchautor Chad St. John („London Has Fallen“) eine nicht minder fanatische Rächerin gemacht. Da war es naheliegend, dem Franzosen Pierre Morel die Regie zu übertragen, der sich seinerseits aufs Inszenieren von Thrill und Tempo versteht und beispielsweise Liam Neeson in „96 Hours – Taken 3“ auf Einmannfeldzug schickte. Hier ist gradliniges Genrekino angesagt.

Der Körperlichkeit wird gehuldigt, nicht der schauspielerischen Finesse. Von einem verlotterten Wohnmobil aus, das sie mitten in einem Slum geparkt hat, unternimmt der „Racheengel“ – ein überlebensgroßes Grafitto an einer Hauswand zeigt sie als Himmelswesen, dessen Rücken statt Flügeln Maschinengewehre zieren – seine Streifzüge.

Zunächst hängen drei böse Buben kopfüber tot von einem Riesenrad, dann wird ein korrupter Richter an seinen Schreibtisch genagelt, der Showdown findet in einem Shop statt, in dem Riley im Alleingang mit einem guten Dutzend Schwerbewaffneter kurzen Prozess macht.

14 Bösewichte auf einen Streich – ein furios umgesetztes, (ironisch) farbenfrohes Todesballett inmitten herumfliegender Marshmallows und anderer Süßigkeiten. Ein Ego-Shooter-Spiel im Leinwandformat, Level um Level ballert sich die Heldin – gerne in Zeitlupe – durch die mehr als übersichtliche Handlung, zwei eher gelangweilte Detectives – Stan Carmichael (John Gallagher Jr.) und Moises Beltran (John Ortiz) – heften sich ihr an die Fersen, später stößt noch eine taffe FBI-Agentin (Annie Ilonzeh) hinzu. Ein Spitzel in den Reihen der Exekutive wird wenig überraschend enttarnt, der prototypisch gezeichnete Latino-Chefschurke bekommt seine gerechte Strafe. Alles wie gehabt, alles schon gesehen. Ein Hardcore-Vergnügen für Fans und all jene, die Ms Garner – und ihrem grandiosen Stuntdouble Shauna Duggins – eisern die Stange halten.