Kino

Die ganz harte Tür

„Berlin Bouncer“: Kino-Dokumentation gibt Einblicke in das Berliner Nachtleben

Bouncer kennt man von Flipperautomaten. Es sind diese runden oder dreieckigen Hindernisse, die auf der schrägen Ablauffläche stehen, meist von Gummi ummantelt sind und die Kugel beim Aufprall von sich schleudern – zurück ins Spiel oder ins Aus. Dann heißt es: Game over! Insofern passt die Bezeichnung auch zu jenen gerne kräftigen Herren, die vor den Pforten (vermeintlich) angesagter Clubs stehen und darüber entscheiden, wem Eintritt gewährt wird und wem nicht. Sie sind für die Partywütigen Götter, die zwischen Himmel oder Hölle entscheiden. Für Normalsterbliche sind sie manchmal etwas gefährlich anmutende Gestalten, die in diesem Job ihre Daseinsberechtigung suchen.

Als „Exzessbetreuer“ tätig

Wie auch immer. „Man malt jeden Abend ein Bild. Es ist dann gelungen, dass alle beim Rausgehen sagten geile Leute, geile Mucke, geile Stimmung...“ So bringt Türsteher Smiley Baldwin, sprachlich etwas holprig, seinen Job auf den Punkt. Derweilen erkennt Kollege Frank Künster, Einsicht ist alles, dass er einen „absurden Beruf“ ausübt. Als „Exzessbetreuer“ sieht er sich – „und deshalb schenken mir die Menschen positive Aufmerksamkeit“. Schließlich ist da noch Sven Marquardt, Ohrringe, Lippen-Piercings, Tattoos. Nach dem Mauerfall ist der Ostberliner in die Clubszene „eingetaucht“, in Orte, „die ich als total wiedervereinigt fand.“ Drei Männer, drei Schicksale und das Nachtleben der Hauptstadt: „Berlin Bouncer“ von David Dietl („König von Deutschland“), uraufgeführt auf der Berlinale. Gefeiert, gehasst. Ansichtssache.

Wobei man sich zunächst fragen muss, warum man sich für Typen interessieren soll, die Eingänge bewachen. Mal mehr, mal weniger freundlich: „Geh jetzt weg oder ich schubs’ dich! Hast du das verstanden?“ Dazu gleich der Hinweis an all jene, die schon vom Clubbesuch rüde abgehalten wurden: Das Selektionsprinzip wird nicht erklärt. Es gibt wahrscheinlich keines. Pure Willkür. Nur die Frauen haben’s vielleicht etwas einfacher. Da es diesbezüglich also recht wenig zu erzählen gibt, hat der Filmemacher seine Dokumentation etwas breiter gefasst und interessiert sich für den Wandel im Nachtleben der Metropole – von den Neunzigern bis heute.

Mit den genannten Protagonisten, vorgeblich die bekanntesten örtlichen „Türhütern“, als „Fremdenführer“. Der wuchtige Frank Künster kam aus dem baden-württembergischen Lahr in eine Stadt, in der Baldwin als US-Soldat noch die Grenze nach Ostberlin bewachte und Marquardt als DDR-Punk und Fotograf plötzlich von der Geschichte überrascht wurde. Alle drei sind hängengeblieben, haben gefeiert und sind zu berühmt-berüchtigten Selektoren aufgestiegen. Haben sich vor Feierlocations gestellt, „deren Türen und Geheimnisse“, so die Presseinformation, „sie bis heute hüten“. Wirklich? Was passiert in den Clubs, was man nicht weiß? Es wird geschwitzt, getanzt, gesoffen, gekifft und gekokst. Und manchmal kommt man sich am hier sicherlich nicht so ruhigen Örtchen oder einer finsteren Ecke mal etwas näher. Das war’s.

Hämmernd untermalt

Viel Lärm um nichts. Spannend sind eigentlich nur die Lebensläufe der (Anti-)Helden, die es jenseits ihres nicht alltäglichen Broterwerbs alle zu etwas gebracht haben – zu Firmen, zu Büchern, zu einschlägiger Prominenz und natürlich Wikipedia-Einträgen. Ein etwas anderes, schräges, durchaus atmosphärisches Biopic-Triptychon, musikalisch passend hämmernd untermalt. Originell ist ein Statement von Marquardt, der inzwischen als Fotograf weltweites Renommee genießt. Er meint, dass er nach seinem Tod in einer Hieronymus-Bosch-Zwischenwelt landen wird. Auf die Bitte, ob er eintreten darf, vermutet er eine abschlägige Antwort: „Nee, du nicht“... Das wäre dann ja nur gerecht. Oder?