Kino

Cineastischer Trip

„Ben Is Back“: Regisseur Hedges schreibt Sohn Lucas die Rolle eines Drogensüchtigen auf den Leib

Allein ihr Lächeln soll 30 Millionen Dollar wert sein. So hoch ist angeblich die Versicherungssumme, die Julia Roberts für ihr Markenzeichen abschließen ließ. Aber kein Wunder, dass die Ausnahmedarstellerin gut lachen hat, da genügt ein Blick auf ihre Gagen. 20 Millionen Dollar waren es bei „Erin Brockovich“, „Mexican“ und „Hautnah“, 25 Millionen gar bei „Mona Lisas Lächeln“. Seit ihrem Part als „Pretty Woman“ (1990) zählt sie zu den populärsten Stars der Traumfabrik, den Sprung ins ernste Fach hat die Oscar-Preisträgerin souverän gemeistert. Bevorzugt hat sie in den letzten Jahren komplexe Aufgaben übernommen, in der Amazon-Serie „Homecoming“ etwa oder nun als Holly Burns.

Schwierige Entscheidung

Eine Mutter, die wie eine Löwin um das Schicksal ihres Sohnes kämpft, spielt sie in „Ben Is Back“. Unerwartet steht der 19-Jährige (Lucas Hedges) zu Weihnachten bei seiner Familie vor der Tür. Niemand hat mit ihm gerechnet, denn Ben macht gerade einen Drogenentzug und sollte das Fest eigentlich in der Klinik verbringen. Die Mama ist überglücklich, aber auch besorgt, dass ihr Junge einen Rückfall erleiden könnte – die Erinnerung an seine Sucht ist allgegenwärtig.

Vor allem Schwester Ivy (Kathryn Newton) und Stiefvater Neal (Courtney B. Vance) sind skeptisch, hat man doch wegen dem jungen Mann schon schwer gelitten. Darf er bleiben? Muss er gehen? Eine schwierige Entscheidung. Nach langem Ringen einigt man sich darauf, dass der Problem-Teenager nur unter einer Bedingung im Haus bleiben darf: Holly garantiert, ihn keine Sekunde aus den Augen lassen, nicht im Bad, nicht auf der Toilette – regelmäßige Drogentests inbegriffen. 24 Stunden Heimurlaub werden gewährt. Eine lange Zeit, bei der ihre Liebe zu ihrem Sprössling auf eine harte Probe gestellt wird. Zumal sie auch noch ihre Lieben zusammenhalten will und Ben vor sich selbst bewahren muss.

Ein Kammerspiel ist der Film zunächst. Die Protagonisten umkreisen und belauern sich. Huschen durch die Räume. Die Atmosphäre ist gespannt. Niemand traut dem anderen. Obwohl die Mama meint, dass ihr Junge etwas zugenommen hat und seine Augen wieder leuchten: „Es geht ihm eindeutig besser.“ Worauf die verängstigte Ivy sofort kontert: „Warum versteckst du dann alles?“ – sie bezieht sich damit auf die Pillen, die Holly aus dem Medizinkästchen entfernt und hinter den Pullovern im Kleiderschrank versteckt hat. Selbst der treusorgende Gatte ist von der Anwesenheit seines Stiefsohns wenig begeistert: „Wir wollten ihn jetzt noch nicht zu uns holen. Das war unsere Entscheidung“.

Achterbahn der Gefühle

Aber die Mutter setzt sich durch, willigt sogar ein, mit Ben in ein Einkaufszentrum shoppen zu gehen. Hier wechselt die Tonalität, Thriller-Elemente schleichen sich ein. Ein alter Kumpel erkennt Ben. Ruft quer durch die Mall: „Hey Burns, ich dachte, du wärst tot“. Ein Drogendealer, bei dem Ben noch Schulden hat, taucht zufällig auf. Die kriminelle Vergangenheit des Süchtigen rückt ins Zentrum. Plötzlich ist er verschwunden. Verzweifelt versucht Holly, ihn zu finden. Das Tempo zieht an. Souverän wechselt Peter Hedges, eigentlich ein ausgewiesener Spezialist für Liebes- und Beziehungsfilme, den Stil. Passend eisig sind die blauschwarzen Bilder von Kameramann Stuart Dryburgh („Das Piano“).

Eine fordernde Rolle hat der Regisseur und Drehbuchautor seinem Sohn auf den Leib geschrieben. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle – für den (Anti-)Helden wie die Zuschauer. Ein an den Nerven zerrendes, mit feinem Gespür für die Figuren umgesetztes Drama. Roberts liefert, über weite Strecken fast wortlos, eine ihrer besten Karriereleistungen ab, Lucas Hedges, Oscar-nominiert für „Manchester by the Sea“, führt trefflich vor, warum er in Hollywood als einer der vielversprechendsten Nachwuchsstars gehandelt wird. Keine leichte Unterhaltungskost, sicherlich aber ein packender cineastischer Trip.