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Blick zurück ohne Zorn

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„Pferde stehlen“: Hans Petter Moland hat Per Pettersons Bestseller verfilmt

November 1999. Der 67-jährige Trond (Stellan Skarsgård) hat sich nach dem Tod seiner Frau aus Oslo in ein einsames Dorf im Osten Norwegens zurückgezogen. Da erkennt er in seinem Nachbarn Lars (Bjørn Floberg) einen alten Freund aus der Jugendzeit wieder. Eine Zufallsbegegnung, die Geschehnisse aus dem Jahr 1948 wach werden lässt: Gemeinsam mit seinem Vater (Tobias Santelmann) verbrachte der damals 15-Jährige einen Sommer in einer einfachen Holzhütte am Fluss. Lange Nachmittage im Wald, Ausritte auf Wildpferden, harte, schweißtreibende Arbeit oder das Waschen an einem einfachen Holztrog verschwimmen zu einem Kaleidoskop unbeschwerten Glücks und schicksalsträchtiger Erlebnisse.

Per Pettersons „Pferde stehlen“ avancierte 2006 zum internationalen Bestseller. Kritik und Leser waren gleichermaßen begeistert. Eine geradezu provozierende Langsamkeit zeichnet den Roman aus, der aus eben diesem Grund einen ungeheuren Sog entwickelt. Das einzufangen, ist nun Hans Petter Moland („Einer nach dem anderen“) nach eigenem Drehbuch gelungen, der sich viel Zeit nimmt, die komplexe, facettenreiche Geschichte aufzuschlüsseln. Zig Themen werden verhandelt: Liebe und Verlust, Verrat und Enttäuschung, lebenslange Traumata, Schuldgefühle und am Rande auch die norwegische NS-Vergangenheit.

Den klassischen Protagonisten gibt es hier nicht, spielerisch wechselt der Regisseur zwischen seinen alten und jungen Figuren hin und her, nimmt deren unterschiedliche Perspektiven ein und springt in der Zeit vor und zurück. Ein wenig gewöhnungsbedürftig ist das, aber sobald man sich eingefunden hat, folgt man den wechselhaften Ereignissen mit gespanntem Interesse.

Mit den Augen des jungen Trond wird man Zeuge, wie sein verehrter Papa die in der Stadt zurückgebliebene Gattin mit der Frau vom Nachbarhof betrügt. Der Anfang vom Ende der Familie. Eine Tragödie für den Heranwachsenden. Aber es kommt noch schlimmer: Aus Versehen erschießt der kleine Lars, Sohn der Geliebten, beim Spielen den eigenen Bruder...

Ein Blick zurück. Freudig. Wehmütig. Peinvoll. Ein letzter Sommer vor dem Erwachsenwerden. Der Abschied von der unbeschwerten Kindheit. Detaillierte Aussagen, genaue Beschreibungen: „Mein Vater war praktisch veranlagt. Ich habe viel von ihm gelernt. Er wusste, wie man Dinge anpackt...“ Und so wird man Zeuge, wenn Holz geschlagen, die Sense geschärft und Gras gemäht wird.

Sehr körperlich ist das Drama da. Liebevoll, lüstern beinahe, umkreist die Kamera von Rasmus Videbæk – er gewann auf der Berlinale den Silbernen Bären in der Kategorie „Herausragende Künstlerische Leistung“ – den muskulösen Mann und seinen Sohn. Das Äußere spiegelt das Innere. Liebe keimt in Trond auf. Begehrliche Blicke wirft er auf die Nachbarin, beobachtet sie heimlich. Was sie merkt, mit ihm spielt, ihn wie zufällig berührt.

Bilanz vor dem Tod

Momentaufnahmen eines Lebens, die Bilanz eines Mannes, der mit seinem baldigen Tod rechnet, Ingmar Bergmans Klassiker „Wilde Erdbeeren“ nicht unähnlich. „Erinnerungen, die das Bewusstsein fluten und den Schmerz bringen –- doch als wie stark dieser empfunden wird, entscheidet man selbst.“ Diesen Schlüsselsatz der Vorlage hat der Filmemacher perfekt herausgearbeitet. In einem schwebenden, vielschichtigen Film mit traumhaft schönen Landschaftsbildern. Ins Gehirn des von Skarsgård gewohnt souverän gespielten Trond dringt man förmlich ein und lernt, was Dasein heißt. Im Guten, wie im Schlechten.

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