Kino

Film In Venedig gibt es heute Abend keinen deutlichen Favoriten, aber Darren Aronofsky und Guillermo del Toro könnten bei der Löwen-Vergabe eine Rolle spielen

Über die ungewöhnliche Liebe einer Putzfrau

Eine mögliche Zukunft des Kinos war in Venedig abseits des Festivalzentrums auf einer alten Krankenhaus-Insel zu besichtigen. Die Filme dort schaut man allein unter den anderen Zuschauern, nur mit Kopfhörern und einer Brille, die die Außenwelt abschottet - und man landet mitten in der Welt des Films, in der man frei den Blick schweifen lassen kann: Virtual Reality ist das Stichwort. Das Erzählen in dieser Form steckt zwar noch in den Kinderschuhen. Venedigs Festivalleiter Alberto Barbera glaubt aber so sehr an diese Innovation, dass er für sie erstmals einen eigenen Wettbewerb eingerichtet hat.

Das Hauptaugenmerk der Filmkritik aus der ganzen Welt lag aber auch auf der 74. Mostra natürlich auf dem ganz normalen Kino: in 2D und mit Schaulaufen zahlreicher Stars wie zuletzt Penélope Cruz und Javier Bardem. Das Glamourpärchen stattete dem roten Teppich eine Visite für die Premiere von "Loving Pablo" ab, der auf recht oberflächliche Weise von Drogenboss Pablo Escobar (Bardem) aus der Sicht seiner Geliebten (Cruz) erzählte. Im Wettbewerb um den Goldenen Löwen wurde derweil mit "Mektoub" der neue Film vom Abdellatif Kechiche mit Spannung erwartet, der 2013 für das Sex-explizite Liebesdrama "Blau ist eine warme Farbe" die Goldene Palme gewann.

Mit natürlichen Bildern und der ausführlichen Sexszene zu Beginn denkt man noch, dass das nahtlos weitergeht. Dann aber folgt man einer Freundesclique durch einen südfranzösischen Sommer in den 90ern. In schier endlos ausgespielten Szenen und mit voyeuristisch viel junger Haut im Blick geht es durch Bars, Restaurants, an den Strand und in die Disco: verbindliche Liebe, unverbindlichen Sex und Spaß haben. Mit all dem Gerede, Tanzen, Gerede und noch mehr Gerede wird der ausgebuhte Film jedoch zur Anstrengung über drei lange Stunden.

Für Impulse im Wettbewerb sorgten stattdessen vor allem US-Beiträge: ob Guillermo del Toros visuell eindrucksvolles Märchen "The Shape of Water" über die ungewöhnliche Liebe einer Putzfrau zu einem amphibienhaften Wasserwesen. Oder Darren Aronofskys unbehagliche, bedeutungsschwangere Thriller-Tour-de-Force "Mother!" mit Jennifer Lawrence und Javier Bardem. George Clooney thematisierte in seinem 50er-Jahre-Thriller "Suburbicon" im überdrehten Stil der Coen-Brüder Rassismus und Vorurteile in einer vermeintlichen Kleinstadt-Idylle.

Auch Ai Weiwei ist dabei

Beides klang auch an im tragikomischen "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri", der löwenverdächtig hoch in der Kritikergunst liegt - auch Dank Frances McDormand. Sie kämpft darin als Mutter mit harten Bandagen dafür, dass die Ermittlungen zum Mord an ihrer Tochter fortgeführt werden.

Insgesamt konnte sich allerdings kein ganz klarer Favorit herauskristallisieren. Vielleicht gewinnt am Ende ja auch der packende, libanesische Beitrag "The Insult", in dem sich ein scheinbar banaler Konflikt auswächst und alte Wunden einer gespaltenen Nation aufreißt? Oder der chinesische "Angels wear White", in dem mit Vivian Qu die einzige Regisseurin in der Konkurrenz ein kritisches Gesellschaftsbild entwarf - ausgehend vom Missbrauch an zwei Mädchen? Auch darüber hinaus gab es einige Beiträge, die auf Missstände, Ungerechtigkeiten und Probleme in der Welt schauten, darunter einer des chinesischen Kunstsuperstars Ai Weiwei. Wird sein Film bei der Preisverleihung eine Rolle spielen, obwohl er filmisch kein großer Wurf und das Anliegen deutlich bedeutsamer ist, das er damit transportierte?