Handball

Handball Philipp Weber könnte dauerhaft das Spielmacher-Problem der Nationalmannschaft lösen

Plötzlich erwachsen

Archivartikel

Wien.Es ist ziemlich genau zwei Jahre her, da stand Bob Hanning im Mannschaftshotel der deutschen Nationalmannschaft im kroatischen Varazdin und sah ziemlich mitgenommen aus. Der Vize-Präsident des Deutschen Handballbundes (DHB) musste in diesem Augenblick die komplett missratene Europameisterschaft 2018 erklären, die mit dem enttäuschenden neunten Platz endete und eklatante Schwächen auf der Spielmacherposition offenbarte. Philipp Weber war damals zum Chef auserkoren worden, kam mit der Verantwortung aber überhaupt nicht klar. Doch Hanning sagte: „Er wird irgendwann diese Mannschaft führen.“

Das Vertrauen in den Leipziger war dann aber erst einmal doch nicht mehr so groß. Der Rechtshänder wurde kaum noch nominiert und seine Karriere im Nationalteam schien beendet, ehe sie überhaupt begonnen hatte. Aber dann erwischte vor der EM 2020 eine immense Verletzungswelle die DHB-Auswahl – und spülte Weber in den Kader. „Die vielen Absagen haben mir sicherlich geholfen“, gibt der 27-Jährige zu. Zur Wahrheit gehört aber eben auch, dass er seine Chance nutzte, als sie sich bot. Der Rechtshänder spielt „eine interessante EM“, wie Christian Prokop sagt, was dann vielleicht sogar eher untertrieben ist. Wer den stets etwas zurückhaltenden Bundestrainer allerdings kennt, weiß auch, dass er mit Sonderlob für einzelne Spieler stets sparsam umgeht. Insofern war das, was Prokop da über den Spielmacher sagte, schon so etwas wie ein Kompliment.

Klar im Kopf

20 Treffer bei 29 Versuchen hat Weber bei diesem Turnier bislang erzielt, doch es ist nicht allein seine Torgefahr, die ihn diesmal so wertvoll macht. Denn Weber ist auch der Mann, der Verantwortung übernimmt, der in kritischen Phasen wie im Krimi gegen Kroatien richtige Entscheidungen im richtigen Augenblick trifft und vor allem strategisch denkt und das Spiel lenkt. Er macht also genau das, was von einem Regisseur erwartet wird. „Ich habe vor zwei Jahren keine gute EM gespielt. Aber es bringt nichts, jetzt zurückzublicken. Nun bin ich hier und spiele ein gutes Turnier“, sagt der 27-Jährige und spricht seine Worte mit der gleichen Überzeugung und dem Selbstverständnis aus, das er auch auf dem Feld demonstriert. Kurzum: Weber wirkt deutlich reifer und abgeklärter. Oder wie es Hanning sagt: „Philipp spielt eine sehr erwachsene EM.“ Er ist jetzt ganz einfach auch vom Kopf mindestens einen Schritt weiter als noch vor ein paar Jahren.

Denn ein guter Handballer war der Rechtshänder schon immer, aber eben auch so etwas wie ein schlampiges Genie. 2016 schickte man ihm beim SC DHfK Leipzig weg. Sein Trainer damals: Ein gewisser Christian Prokop, der das Talent Webers schätzte, aber an seiner fehlenden Professionalität verzweifelte. „Wir waren mit seiner Einstellung und anderen Dingen nicht zu 100 Prozent zufrieden. Er hat in meinen Augen nie das Maximum aus sich herausgeholt, um weiter zu kommen“, sagte der jetzige Bundestrainer damals. Für Weber war das Ende seiner Leipziger Zeit schmerzhaft, aber ebenso ein heilsamer Schock. Er ging zur HSG Wetzlar, vollzog eine wundersame Wandlung zu einer Art Musterprofi und wurde 2017 sofort Bundesliga-Torschützenkönig.

„Gewinner der EM“

„Im Nachhinein bin ich Christian für seine damalige Entscheidung dankbar“, sagt Weber, der nach einem Jahr in Mittelhessen nach Leipzig zurückkehrte und dort seine Entwicklung vom reinen wurfgewaltigen Rückraummann zu einem torgefährlichen Strategen fortsetzte. Er setzt die Kollegen auf den Halbpositionen in Szene, bedient die Kreisläufer. Der 27-Jährige liest das Spiel und knackt Abwehrsysteme wie Einbrecher Tresore. Ohne Gewalt, sondern mit Feingefühl. Weber entschlüsselt ganz einfach den gegnerischen Defensiv-Code – und teilweise kommt dabei nicht nur Schönes, sondern gar Spektakuläres heraus.

Dann schaut er nach links und sagt dem Außenspieler, wo er sich hinzustellen hat, um im gleichen Moment nach rechts an den Kreis zu spielen und den Ball durch ein Nadelöhr zu passen, als habe er sechs Augen und noch dazu einen Zirkel für punktgenaue Anspiele in seinem rechten Arm.

Keine Frage: Weber trumpft auf bei dieser EM und könnte plötzlich die vor zwei Jahren ersehnte, dann aber kaum noch erwartete Lösung der deutschen Mannschaft für ihr Dauer-Problem in der Schaltzentrale sein. „Wir haben das größte Steigerungspotenzial auf der Spielmacherposition. Da müssen wir besser werden, wenn wir dauerhaft um Medaillen kämpfen wollen“, sagte Bundestrainer Prokop vor der Europameisterschaft. Während des Turniers kristallisierte sich nun Weber als der Mann heraus, der die Rolle ausfüllen kann. „Es gibt Gewinner dieser EM – und da gehört Philipp dazu“, meint Hanning vor der Begegnung um den fünften Platz am Samstag (16 Uhr/ARD One) gegen Portugal und lobt die Fortschritte des Leipzigers „Er schafft es, diese Mannschaft zu führen.“ Daran war im Januar 2018 wahrlich nicht zu denken.