Handball

Deutschland Andreas Wolff und Johannes Bitter wollen das Tor „zunageln“ – doch das gelingt ihnen bislang kaum

Hammer verzweifelt gesucht

Trondheim.Es ist keine ganz neue Erkenntnis im Welt-Handball, dass die Torhüterposition die wichtigste ist. Denn wenn da einer zwischen den Pfosten steht, der etwas von seinem Fach versteht, kann der zwar nicht das Spiel der eigenen Mannschaft auf ein anderes Niveau hieven, wohl aber die gesamte Partie und das Ergebnis verändern. Sprich: Schlussmänner können den Erfolg wie kein anderer beeinflussen und das eigene Team bisweilen besser dastehen lassen, als es wirklich ist.

Diese Hoffnung hatte auch die deutsche Nationalmannschaft, als sie zur EM aufbrach. Der gesetzte Andreas Wolff bekam mit Johannes Bitter (kleines Bild) einen neuen Partner, nachdem er zuvor ein Duo mit Silvio Heinevetter gebildet hatte. Doch dieses Gespann barg stets großes Konfliktpotenzial und hemmte sich mehr, als dass es sich half. In der Summe kam deshalb auch weniger heraus, was das Duo in Summe eigentlich an Klasse vereinte. Häufig glich der Umgang miteinander einem Zirkus der Alphatiere, keiner fand einen sicheren Hafen für sein ausgeprägtes Ego.

21 Würfe, 21 Gegentore

Das ist nun anders. Zumindest was das Miteinander angeht. Der 28-jährige Wolff vom polnischen Spitzenclub Vive Kielce respektiert seinen neun Jahre älteren Kollegen Bitter, der beim Bundesligisten TVB Stuttgart spielt und allein schon aufgrund seiner Erfolge (Weltmeister 2007; Pokalsieger 2010, Meister 2011, Champions-League-Gewinner 2013 mit Hamburg) und Erfahrung ein hohes Ansehen genießt. Für einen wie ihn fällt es Wolff schlichtweg leichter, zwischendurch den Platz zwischen den Pfosten zu räumen. Das ist offensichtlich, denn auffällig häufig spricht er bei der EM in der Wir-Form, weil er mittlerweile akzeptiert, vielleicht sogar gelernt hat, dass nur mit zwei guten Torhütern viel möglich ist. Kollege Bitter weiß das sowieso: „Das harmoniert zwischen uns und ist nicht gespielt. Meine Rolle mit Andi ist es, da hinten das Ding zuzunageln. “

Die zwei Schlussmänner verstehen sich also, es gibt kein atmosphärisches Problem. Nach der Vorrunde stellt sich aber trotzdem die Frage, ob die beiden Keeper den Hammer vergessen haben, mit dem sie das Tor zunageln wollen. Bitter hat bislang 24 Prozent der Würfe auf sein Tor abgewehrt, Wolff 25 Prozent. Um für eine Medaille infrage zu kommen, muss die Torwartleistung erfahrungsgemäß bei etwa 35 Prozent liegen. Ein Wert, von dem beide deutsche Keeper momentan weit entfernt sind, zumal bei Wolff die Formkurve dramatisch nach unten zeigt. Nach gutem Start in die Europameisterschaft gegen die Niederlande (39 Prozent) verabschiedete sich der 28-Jährige leistungsmäßig komplett aus dem Turnier. Die letzten 21 Würfe (!) auf sein Tor waren allesamt drin.

Aus dem EM-Helden von 2016 ist ein Problem-Wolff geworden. „Wir brauchen ihn in Topverfassung, wenn wir erfolgreich sein wollen“, hatte DHB-Vize Bob Hanning vor dem Turnier gesagt und meinte mit Blick auf Wolffs Vereinskarriere in der international drittklassigen polnischen Liga, in welcher der Keeper mit der Übermannschaft aus Kielce gar nicht gefordert wird: „Andi hat da auch ein bisschen Urlaub.“ Es waren Worte, die der DHB-Vize ein wenig süffisant am Rande des Testspiels in Österreich dahersprach, die der 51-Jährige aber ganz gewiss auch nicht nur als Scherz meinte. Denn Hanning weiß immer, was er sagt – und letztendlich ist sein Satz auch weniger ein flapsiger Spruch, sondern eine Feststellung, ja sogar die Wahrheit gewesen. Und zwar eine zu 100 Prozent richtige.

„Anders vorgestellt“

Kurz vor der EM reiste Wolff extra noch nach Leipzig zu Bundestrainer Christian Prokop, um ein paar Zusatzeinheiten zu absolvieren, um sich in Form zu bringen. Gebracht hat es bislang nichts, der Schlussmann wirkt gefangen in einer Abwärtsspirale und wollte nach dem 28:27-Sieg über Lettland auch nicht reden, nachdem er zuvor keinen einzigen Ball abgewehrt hatte. Dafür sprach Prokop – und zwar über Wolff: „Andi hat sich mit Sicherheit einen anderen Job vorgestellt.“ Bitter stellte sich im Gegensatz zum Kollegen: „Es gab Höhen und Tiefen. Auch ich habe mich nicht freischwimmen können.“

Keine Frage: Der gewünschte Effekt ist bei dieser EM durch die Umbesetzung des Torwartgespanns bislang ausgeblieben, auch wenn Prokop nach wie vor von den Qualitäten der Keeper überzeugt ist: „Ich bin mir sicher, dass sie einen guten Job machen werden.“ Der Beginn der Hauptrunde am Donnerstag gegen Weißrussland wäre auf jeden Fall ein guter Start dafür. Denn mit fortschreitender Turnierdauer beginnt auch die Zeit für echte Heldengeschichten.

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