Gesundheit

Untersuchung Größte Gesundheitsstudie Deutschlands geht der Entstehung von Krankheiten nach / Bis April 2019 müssen die Untersuchungen bei 200 000 Menschen abgeschlossen sein

Eine Volkszählung der medizinischen Art

Archivartikel

Was begünstigt die Entstehung von Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Rheuma oder Depressionen? Das möchte die NAKO-Gesundheitsstudie herausfinden. Bundesweit werden seit 2014 Menschen eingeladen, daran teilzunehmen - 200 000 sollen es werden. Jetzt ist Halbzeit.

Sie lässt per Ultraschall ihr Herz anschauen, hält bereitwillig einen Unterarm ruhig, damit über eine Kanüle Blut abgenommen werden kann und drückt eine Art großen Knochen aus Kunststoff zusammen, in dem eine Metallfeder ihre Muskelkraft misst: Manuela Rösler gehört zu den 5000 Mannheimern, die bereits an der NAKO-Gesundheitsstudie teilgenommen haben. Einen halben Vormittag hat sie dafür im Studienzentrum im Quadrat K 3, 21 verbracht; später kommt sie noch einmal wieder, um im MRT Bilder aus dem Inneren ihres Körpers anfertigen zu lassen. Geld erhält sie dafür nicht - nur zehn Euro Fahrgeld werden ausgezahlt.

Einblicke in den Körper

Zwei Straßenbahnfahrten aus dem östlichen Stadtteil Neuhermsheim hat Rösler auf sich genommen. Ihre Motivation ist nicht finanzieller Art: Sie möchte die Erforschung von Krebs und anderen Volkskrankheiten unterstützen. "Ohne Probanden keine Studie", betont sie. Und: Sie möchte gern wissen, ob sich in ihrem Körper Frühzeichen einer Erkrankung zeigen. Eine Diagnose würde sie dann zwar nicht vom Studienzentrum erhalten, aber eine Rückmeldung, dass etwas nicht stimmt. Dann müsste sie zur Klärung zu ihrem Arzt gehen.

Derart motivierte Teilnehmer wünschen sich Projektkoordinatorin Marina Scheffel und Studienassistentin Sabine Gerber noch zahlreicher - andere möchten nicht so gerne wissen, wie es im Detail um sie körperlich steht. Anfangs hatte das Studienzentrum seine Adresse in beengteren Verhältnissen im Hochhaus an der Hans-Böckler-Straße. Im vergangenen Jahr zog das Zentrum in die Quadrate, in direkter Nachbarschaft zum Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI). Von 7 bis 20.30 Uhr untersuchen nun acht Kollegen in zwei Schichten sieben bis acht Personen gleichzeitig. Mit 5000 Testpersonen hat Mannheim gerade die Hälfte erreicht. In anderen Zentren hat das nicht so gut geklappt, weshalb das Gesundheitsministerium gerade eine Verlängerung der ersten Phase bis April 2018 genehmigte. "In allen Studienzentren müssen die Daten nach genau den gleichen Standards gewonnen werden", nennt Scheffel eine der Herausforderungen.

Der Aufwand für diese Art Volkszählung der medizinischen Art ist riesig: 210 Millionen Euro stehen bundesweit für zehn Jahre zur Verfügung. Zwei Drittel davon übernehmen Bund und Länder, ein Drittel die Gemeinschaft der Helmholtz-Forschungszentren, zu denen das Deutsche Krebsforschungszentrum gehört. Es ist gemeinsam mit der Universität Heidelberg Träger des Mannheimer NAKO-Studienzentrums - dem einzigen in der Metropolregion Rhein-Neckar. 14 Universitäten sind bundesweit an der Gesundheitsstudie beteiligt.

Bei dem Begriff Nationale Kohorte mag mancher zuerst an eine römische Soldatentruppe denken - im wissenschaftlichen Kontext steht Kohorte für eine Bevölkerungsgruppe, die etwas gemeinsam hat - etwa demselben Geburtsjahrgang angehört. Internationale Vorbilder für Kohortenstudien gibt es in den USA, Schweden und Großbritannien.

In Deutschland hat es bislang nur kleinere Projekte mit eingeschränkter Fragestellung gegeben. Auf Angaben zur Lebensweise folgt bei der NAKO die Untersuchung: Zähne, Augen, Gewicht, Fitness und Bewegungsfähigkeit sind Beispiele für das, was für die Studie interessant ist. Sieben Tage lang trug Rösler ein Gerät am Gürtel, das ihren Aktivitätsgrad aufzeichnete. "Mein Bling-Bling", hat die 48-Jährige den Begleiter liebevoll getauft.

Besonders gefreut hat sich die 48-Jährige, deren Adresse wie alle vom Einwohnermeldeamt ermittelt wurde, dass sie zu jenen 30 000 Männern und Frauen gehört, bei der die große Durchleuchtung inklusive ist. Auch dafür kann man sich nicht selbst empfehlen, sondern wird per Stichprobe ausgewählt. "Eine Freundin hatte mir erzählt, dass sie dabei war. Das fand ich sehr spannend. Zwei bis drei Wochen später hatte ich meine eigene Einladung im Briefkasten", freut sich Rösler über den Zufall.

Material für weitere Forschung

Wie bei der Volkszählung ist bei der NAKO Datenschutz zentral: In einem komplexen System soll sichergestellt werden, dass persönliche Infos, die archiviert werden, damit die Teilnehmer nach etwa fünf Jahren zur zweiten Untersuchung eingeladen werden können, getrennt von den Analyseergebnissen und den Proben aufbewahrt werden. Blut, Speichel und Urin sollen auch künftigen Studien als Grundlage dienen.

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