Gesundheit

Neues Heilmittel Mediziner kritisieren fehlende Daten zur Wirkung auf den menschlichen Körper und raten von Eigenbehandlung ab

Cannabis bereitet den Experten Kopfzerbrechen

Seit März dieses Jahres dürfen Ärzte schwerkranken Patienten Cannabisblüten und -extrakte als Schmerzmittel verschreiben. Doch die Neuregelung sorgt selbst unter den Experten für Verwirrung - wie auf dem Schmerzkongress in Mannheim deutlich wird.

Wie groß ist das Interesse von Patienten an Cannabisprodukten?

Sehr groß, zumindest war es das direkt nach der Gesetzesänderung im Frühjahr. "Die Schmerzambulanzen wurden überrannt von Menschen, die alle Cannabis verschrieben haben wollten", berichtet Kongresspräsident Winfried Häuser.

Erhalten diese Patienten jetzt alle die Pflanze?

Nein. "Die Verschreibung ist an mehrere Bedingungen geknüpft", betont Häuser. So müsse beim Patienten eine schwerwiegende Erkrankung vorliegen. Außerdem müssten die Möglichkeiten der etablierten Schmerztherapie ausgeschöpft sein. Dazu kommt, dass der Medizinische Dienst der Krankenversicherung die Verschreibung prüft. "Etwa die Hälfte der Anträge wird abgelehnt", sagt Häuser.

Wie wirkt die Pflanze eigentlich gegen Schmerzen?

Die weibliche Hanfpflanze (Cannabis sativa) enthält etwa 500 verschiedene Inhaltsstoffe. Zwei davon - THC und CBD - haben sich in klinischen Studien als schmerzlindernd und entzündungshemmend erwiesen. Allerdings beklagen die Ärzte in Deutschland, dass die Wirkung auf den menschlichen Körper noch weitgehend unerforscht ist.

Ist bekannt, gegen welchen Schmerz Hilfe zu erwarten ist?

Häuser hat gemeinsam mit Kollegen mehrere Studien aus den Jahren 2009 bis 2017 ausgewertet und die Ergebnisse veröffentlicht. Demnach gibt es derzeit keine ausreichenden Beweise, dass Cannabis bei Schmerzen durch Tumore, Rheuma oder Magen-Darm-Erkrankungen hilft. Ausreichende Belege liegen nur für die Behandlung von Nervenschmerzen vor.

Was bedeutet das zum Beispiel für Kopfschmerz-Patienten?

Für sie ist Cannabis zumindest derzeit nicht das Mittel der Wahl. "Die Studienlage ist noch zu dürftig, als dass wir eine reguläre Behandlung mit Cannabinoiden empfehlen würden", sagt Stefanie Förderreuther, Präsidentin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft.

In welcher Form kann die Pflanze eingenommen werden?

Es gibt vor allem drei Varianten: Zum einen als Medizinalhanf, dabei handelt es sich um getrocknete Blüten. Zweitens in Form eines Arzneimittels (Spray, Tabletten etc.), das aus Hanf gewonnenes THC enthält. Und drittens als Arzneimittel, in dem sich ein synthetisch hergestellter THC-ähnlicher Stoff befindet. Das einzige Präparat, für das ausreichend Erkenntnisse nach den in der Medizin angewandten Qualitätskriterien vorliegen, stammt aus der zweiten Gruppe. Für alle anderen Präparate gibt es nach Auskunft der Experten beim Deutschen Schmerzkongress keine ausreichenden Daten.

Was fordern diese Experten?

Ganz eindeutig: methodisch einwandfreie Studien für jedes Krankheitsbild, die sowohl den Effekt der Schmerzlinderung messen als auch Nebenwirkungen erfassen.

Bis es so weit ist: Was ist von einer Eigentherapie zu halten?

Davon wird dringend abgeraten - unter anderem, weil es keine Erkenntnisse über die Dosierungen gibt, und die Nebenwirkungen dadurch unüberschaubar werden.