Dossier

Wo steht der "Mannheimer Morgen" in zehn Jahren, Herr Lübke?

Archivartikel

Ein Chefredakteur in ungewohnter Rolle: Die beiden "MM"-Leser Eva Teubert und Lukas Romberg führen mit Dirk Lübke ein Interview über die Zukunft der Medien, die Sprache der Zeitung und das veränderte Nutzungsverhalten der Leser.

Herr Lübke, warum sind Sie Journalist geworden?

Dirk Lübke: Zum Fußballprofi bei Hannover 96 - ich bin dort als 13-Jähriger vom Dorf hingekommen - hat es trotz gegenteiliger Prognosen nicht ganz gereicht; also brauchte ich mit 21, 22 Jahren eine Alternative - auch zur Beruhigung meiner Eltern. Nach Abi und Bundeswehr studierte ich - mit mäßigem Einsatz - Germanistik, Geschichte und Sport in Göttingen und Hannover. Auf Journalismus kam ich erst, als ich mich an meine Schulzeit im Abi-Jahrgang erinnerte. Im Ratsgymnasium in Stadthagen - das liegt zwischen Hannover und Bielefeld - hatte ich eine Deutschlehrerin namens Lampe. Die hat uns aufgefordert, einen Leserbrief zu einem politischen Thema zu schreiben. Das tat ich; es ging irgendwie um die FDP und innerparteiliche Liberalität. Den Brief habe ich an die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" geschickt. Zwei Wochen später kam ich zu spät in den Unterricht, alle applaudierten. Der Hintergrund: Mein Leserbrief war als einziger von zwölf verschickten abgedruckt. Daraus leitete ich ab: Die haben journalistisches Talent bei mir gesehen, sonst hätten die den Leserbrief ja nicht in der Zeitung gedruckt.

Lässt sich denn aus Leserbriefen journalistisches Talent erkennen?

Lübke: Ja, es gibt viele Leserbriefe, die sind stark geschrieben. In ihnen wird gut argumentiert und hergeleitet. Das sind dann echte Meinungsbildungsbeiträge. Es gibt aber auch die anderen, die - geladen mit persönlicher Betroffenheit und Emotionen - manche Vermutung zur reinen Wahrheit machen, die dann einer ernsten Überprüfung nicht mehr standhält. Die Bandbreite ist eben groß und spiegelt das Leben.

Wie sind Sie denn nun Journalist geworden?

Lübke: Die unerfüllte Fußballprofi-Karriere und ein langweiliges Studium trieben mich mit 22 Jahren zum Arbeitsamt. Dort ließ ich mir ein Verzeichnis der niedersächsischen Tageszeitungen geben. Es waren um die 50. Ich war baff - und begann, diese telefonisch abzufragen. Parallel habe ich erste Bewerbungen an "Spiegel", "Stern" und "Bild"-Zeitung losgeschickt - ohne jede Arbeitsprobe, sehr naiv. Da kam natürlich nie eine Antwort. Die haben sich wahrscheinlich kaputtgelacht. Angefangen hat es dann 1984 beim "Burgdorfer Kreisblatt", was später zur "Hannoverschen Allgemeinen" kam.

Kommen wir in die Ist-Zeit. Medien stecken in der Krise, mancher spricht vom "Zeitungssterben". Wo steht der "MM" in zehn Jahren?

Lübke: Wir sind quicklebendig und voller Tatendrang. Das Gedruckte in Papierform wird es auch in zehn Jahren erfolgreich geben. Davon bin ich überzeugt. Klar ist aber auch: Zeitung muss sich weiter ändern, tiefgründiger, analytischer werden, mehr einordnen, dem Leser Auswirkungen verständlich in Grafik und Wort bieten. Und wir müssen uns auf die Stadt Mannheim und auf die Region noch mehr einstellen. Hier sind wir zu Hause, hier machen wir unsere Punkte. Auch müssen wir noch mehr mit dem Leser als über den Leser reden, ihn einbeziehen, sein Wissen, seine Meinung einfordern und ernst nehmen.

Trotzdem: Der 70. Geburtstag der Zeitung ist ein Grund zur Freude. Was bereitet Ihnen denn bei Ihrer Arbeit als Chefredakteur am meisten Spaß?

Lübke: Das Faszinierende an diesem Beruf ist: Kein Tag ist wie der andere. Immer wieder gibt es Neuigkeiten, Wahrheiten, Halbwahrheiten, schwierige Sachverhalte, Schicksale, Erfolge - der Journalistenberuf lässt uns in Berührung kommen mit fast allem, was das Leben zu bieten hat. Wo haben Sie das sonst? Wir können jeden Tag sehen, was wir am Tag zuvor auf die Beine gestellt haben, was gut und weniger gut war. Ich verstehe Journalismus zuallererst als Handwerk. Der Kommunist Karl Marx - ich bin fürwahr kein Anhänger seiner Lehre - beklagte vor etwa 150 Jahren für die Arbeiterklasse eine "fehlende Beziehung zum Endprodukt". Wir haben den Luxus der "Beziehung zum Endprodukt", dürfen das komplette Ergebnis unserer Arbeit jeden Tag in den Händen halten, alle 24 Stunden gedruckt, im "morgenweb" sogar in Echtzeit anschauen. Auch das motiviert mich.

Sie sagen, Zeitung muss tiefgründiger werden. Ist das vom Leser überhaupt gewünscht?

Lübke: Das hat etwas mit der Verfasstheit der Gesellschaft zu tun. Wenn wir eine Gesellschaft hätten, die sich nicht mehr für Hintergründe, für Entwicklungen, für Ideen, für das Gespräch miteinander interessiert, müssen wir uns ernsthaft Gedanken machen. Ich glaube, dass verantwortungsvoller Journalismus wie beim "MM" wesentlich dazu beiträgt, eine Demokratie zu pflegen und weiterzuentwickeln. Und ich bin überzeugt, dass die allermeisten Menschen sich für diese Prozesse auch interessieren - wenn auch aus immer mehr unterschiedlichen Blickwinkeln. Was wir auch immer wieder hinterfragen müssen ist, ob wir die richtige Ansprache an unsere Leser haben, insbesondere an junge Leser. Da haben wir ein Problem, was auch andere - etwa Parteien oder Vereine - kennen.

Muss das Angebot heute nicht viel stärker individualisierbar sein?

Lübke: Es kann sein, dass wir - sobald es technisch möglich ist - noch mehr Einzel-Angebote machen müssen, etwa nur für Sportinteressierte, nur für Kulturmenschen, nur für Wirtschaftsinteressierte. Im Internet ist sowas schon gut möglich, im Gedruckten noch schwierig.

Wie wichtig ist die Leserbindung?

Lübke: Die Nähe zum Leser und den Themen, die ihn vor seiner Haustür und an seinem Arbeitsplatz betreffen, ist das stärkste Pfund einer Regionalzeitung. Wir versuchen, diese Heimatverbundenheit zu stärken, etwa durch Serien wie "Erkennen Sie Mannheim?" in unserem Lokalteil oder mit der geschichtlichen Seite "Zeit-Reise" in unserem "Wochenende"-Magazin. Menschen interessieren sich für Menschen - das ist eine einfache, uralte Regel. Das galt schon zu Zeiten, als es noch keine Zeitung gab. Das klingt erst mal banal. Journalisten müssen neugierig sein, wissen wollen, was Menschen bewegt, was sie verängstigt, was sie begeistert. Wenn Texte dieses Bedürfnis abdecken, werden sie auch gelesen, weil sie Menschen berühren, betreffen, erreichen.

Führt so etwas dann nicht zu einer Verflachung der Information?

Lübke: Leute lesen ja selten die ganze Zeitung. Sie haben Schwerpunkte, lassen manches einfach immer wieder aus. In unserer gedruckten Zeitung liegt die Faszination aktuell auch darin, dass wir jeden Tag eine Wundertüte basteln, in der wir unterschiedlichste Interessen zu einem Gesamtprodukt bündeln. Die Entscheidungen darüber, was und wie etwas ins Blatt kommt, müssen teilweise unter enormem Zeitdruck und in ständiger Abwägung vieler konkurrierender Themen getroffen werden.

Fällt das oft schwer?

Lübke: Manchmal. Nehmen Sie die Terroranschläge in Paris. Sie begannen zu einem Zeitpunkt, als die Zeitung fast fertig war. Ich war damals zufällig selbst in Paris. Zwischen 21.30 Uhr und Mitternacht an dem 13. November war der Informationsstand unübersichtlich. Erst war die Rede von Schüssen, dann von zwei Toten, dann waren es sechs - und alles aus verschiedenen Quellen. Keiner wusste Genaues. Erst nach Mitternacht gab es offizielle und halbwegs gesicherte Aussagen, die für die aktuelle Ausgabe nicht mehr verwertbar waren. In so einer Situation ist wichtig, Emotionen und journalistische Distanz in der Balance zu halten. Da muss genau hingeschaut werden: Was ist Spekulation? Was sind gesicherte Fakten, wann wird Panikmache aus Ereignissen?

Wie weit darf die Presse bei der Produktion von Schlagzeilen gehen?

Lübke: Schlagzeilen sollen ein Anreiz zum Lesen sein, aber nicht übertreiben. Der journalistische Grundsatz lautet: Ein Text, ein Sachverhalt muss für den Leser nachvollziehbar und idealerweise auf den ersten Blick verstehbar in einer Überschrift sein - und am besten durch mehrere Quellen im Text abgesichert werden. Diese Grenzen werden leider hin und wieder, nicht nur im Boulevard, überschritten.

Die Medien sind die vierte Gewalt im Staat, heißt es. Wer aber kontrolliert die Medien?

Lübke: Zuallererst unsere aufmerksamen Leser. Sie haben ein feines Gespür für harte und wackelige Wahrheiten. Und dann gibt es in Deutschland den Deutschen Presserat. Dieser wacht über die Einhaltung des Pressekodex' . Der Kodex ist so etwas wie das moralisch-ethische Grundgesetz der Journalisten.

Welche Kritik übt der Leser?

Lübke: Ein immer wiederkehrendes Thema sind Zeichensetzung und Rechtschreibung. Unser Ziel ist eine fehlerfreie Zeitung. Das schaffen wir aber eben nicht immer. Es ist ein Glück, dass wir so aufmerksame Leser haben. Was mir aber nach mehr als 30 Jahren in der Branche in letzter Zeit verstärkt auffällt: Der Umgangston zwischen Lesern und Redaktion einerseits und den Lesern untereinander ist teilweise ruppiger geworden - besonders ausgeprägt im Netz. Vor allem bei emotionalen politischen Themen mischen sich in die normalen, sachlichen Auseinandersetzungen zunehmend beleidigende, aggressive Töne. Da werden Grenzen überschritten.

Woran liegt das?

Lübke: Die Anonymität des weltweiten Internets wird genutzt, um sich Frust von der Seele zu schreiben, ohne persönlich dazu stehen zu müssen. Da kommt es zunehmend zu einer Verrohung der Sitten und der Kommunikation. Die Hoffnung war, dass das Internet zu einer stärkeren Demokratisierung und Teilhabe führt. Das hat sich, etwa zu Beginn des Arabischen Frühlings 2010/2011, auch erfüllt. Die Netz-Welt trägt leider aber auch zur Vereinfachung von vielschichtigen Sachverhalten bei und macht daraus zu einfache Wahrheiten.

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