Arbeit und Karriere

Angst vorm Versagen

Andreas Steimer leitet seit September die Psychologische Beratungsstelle des Studierendenwerks Mannheim. Er erfährt, was Hochschüler besorgt - und ermutigt sie, sich immer wieder die Freiheit zu nehmen, eigenen Interessen zu folgen.

Herr Steimer, mit welchen Sorgen kommen Studierende heute zu Ihnen in die Beratungsstelle?

Andreas Steimer: Versagens- und Zukunftsängste haben stark zugenommen. Der Leistungsdruck und die zahlreichen Prüfungen machen vielen zu schaffen. Aber auch die Entscheidungen, die sie treffen müssen - und deren Folgen -, beschäftigen sie sehr. Seit die Bachelor-Studiengänge eingeführt worden sind, ist der Beratungsbedarf merkbar gestiegen.

Ist denn die Belastung tatsächlich größer?

Steimer: Zumindest ist die freie Zeit jetzt knapper: Viele Studierende haben das Gefühl, dass sie den Bachelor in sechs Semestern durchziehen müssen. Sie wollen nicht aus der Reihe fallen. Dieser Anspruch war früher so nicht da, es blieben mehr Freiräume.

Freiräume, die ihnen mehr Zeit gelassen haben, sich persönlich zu entwickeln.

Steimer: Diese Zeit, zum Beispiel auch mal in andere Fächer hereinzuschauen, fehlt jetzt. Ich habe selbst unterrichtet und die Studierenden als sehr leistungswillig wahrgenommen. Aber sie können ihre Neugierde oft nicht entfalten - aus Sorge, dass dadurch die Zeit fürs Auswendiglernen prüfungsrelevanter Inhalte nicht ausreicht und ihre Leistung darunter leidet. Der Wunsch, interessante Themen zu vertiefen, ist jedoch trotzdem da - und das setzt die jungen Leute zusätzlich unter Druck.

Woher kommt dieses Pflichtgefühl, mit dem sich viele selbst einschränken?

Steimer: Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle: das eigene Anspruchsdenken, der Vergleich mit anderen, manchmal die finanziellen Hintergründe. Aber auch die Rahmenbedingungen wirken sich aus. Im Bachelor-Studium zählen so viele Einzelleistungen, und je strenger der Stundenplan vorgegeben ist, desto schwerer wird es, dort auch mal auszubrechen. Hinzu kommen die Erwartungshaltungen der anderen - der Gesellschaft und des persönlichen Umfelds.

Was geben Sie jungen Menschen mit auf den Weg, die gerne mal ausbrechen würden?

Steimer: Ich erinnere mich gut an meine erste Woche an der Uni. Wir wurden ermutigt, auch mal nach links und nach rechts zu schauen. Ich wünsche Studierenden, dass sie sich genau das trauen. Selbst ein bewusstes Verlängern des Studiums - um sich zu orientieren, um Interessen zu vertiefen - kann sinnvoll sein und die persönliche und berufliche Entwicklung fördern. akj