1899 Hoffenheim

Fußball (mit Bilderstrecke) Seit 2014 trägt Adam Szalai das Hoffenheimer Trikot – doch so wertvoll wie jetzt war er noch nie

Verstärkung mit Verspätung

Archivartikel

Sinsheim.Es gab eine Zeit, da beherrschten die „Bruchweg Boys“ die Schlagzeilen der Fußball-Bundesliga. Lewis Holtby, André Schürrle und Adam Szalai feierten im Sommer 2010 nach einem Torerfolg wie eine virtuelle Rockband an der Eckfahne. Damals mischten sie mit dem FSV Mainz 05 die Bundesliga auf, gewannen die ersten sieben Spiele, übernahmen die Tabellenspitze und triumphierten sogar beim FC Bayern.

Keine Frage: Diese wilden Kerle machten Spaß, sie waren erfrischend und jung – übrigens genauso wie ihr Trainer, der 2010 seit gerade einmal einem Jahr im Profigeschäft arbeitete. Es war ein gewisser Thomas Tuchel. Und genau dieser lobte später nicht nur Szalais Offensivqualitäten, sondern vor allem auch dessen Schufterei für die Defensive. „Adam ist immer unser erster aggressiver Abwehrspieler. Er hat einen Weg gefunden, sich nicht nur übers Toremachen zu definieren, sondern über seinen Wert für die Mannschaft“, sagte Tuchel, der mittlerweile zu den besten Fußball-Lehrern Europas gehört. Er trainiert Paris Saint-Germain.

„Er ist total wissbegierig“

Und was ist mit den „Bruchweg Boys“? Holtby kämpft mit dem Hamburger SV um den Ausweg aus der Zweitklassigkeit. Schürrle wurde 2014 Weltmeister, doch danach war nicht mehr viel von ihm zu sehen. Er versucht sich gerade beim FC Fulham in England. Und Szalai ist nach einem misslungenen Intermezzo beim FC Schalke gerade dabei, mit etwas Verspätung sein Glück bei 1899 Hoffenheim zu finden. Beim 3:1 (0:1) über den SC Freiburg erzielte der Mann aus Budapest seine Saisontreffer zwei und drei (50., 63.) und hatte maßgeblichen Anteil daran, dass die Kraichgauer die Partie nach dem 0:1 durch Dominique Heintz (35.) noch drehten. Andrej Kramaric setzte den Schlusspunkt (90. + 4), aber der Sieggarant war Szalai – was nicht ganz zufällig passierte.

Trainer Julian Nagelsmann spürte schon in der Saisonvorbereitung, dass der Stürmer in dieser Runde wichtiger sein und mehr spielen wird. In den vergangenen Jahren hatte der Ungar, der 2014 mit großen Erwartungen aus Gelsenkirchen kam, stets im Schatten von Kevin Volland, Anthony Modeste, Sandro Wagner, Andrej Kramaric und Mark Uth gestanden. Er war ein Teilzeitarbeiter, wurde zwischenzeitlich an Hannover 96 verliehen und kam zurück. Mal stand er auf dem Feld, mal nicht, auch eine langwierige Adduktoren-Verletzung machte ihm zu schaffen.

„Ich war aber immer da, wenn ich gebraucht wurde“, sagte Szalai am Samstag. Gewiss: Auf seine Tore kam der 30-Jährige immer, nur einen Stammplatz hatte er nie. Bis jetzt. Was einerseits daran liegt, dass die Rivalen von einst mit Ausnahme von Kramaric allesamt nicht mehr da sind, andererseits aber auch den guten Leistungen geschuldet ist – und zwar nicht nur im Spiel.

„Adam trainiert sehr fleißig, ist total wissbegierig und versucht die Dinge umzusetzen, die man mit ihm bespricht. Er hatte viele gute Trainer, will aber stets etwas Neues dazulernen“, lobte Trainer Nagelsmann den Torjäger, der die stetige Weiterentwicklung und Veränderung des Fußballs verinnerlicht hat. „Ich bin jetzt 30 und sehe immer noch Neues. Da werden teils komplett andere Sachen gelehrt als vor fünf oder vor zehn Jahren. Ich lerne bei uns zum Beispiel Sachen, die ich noch nie in meiner Karriere gesehen habe“, sagte Szalai zu Jahresbeginn im Interview mit dem „Kicker“ und zog Paralleln zwischen Tuchel und Nagelsmann: „Da gibt es schon Ähnlichkeiten in der Methodik und in der Fußballidee. Beide haben einen extremen Fußballsachverstand, bauen immer wieder Neues ein, suchen Dinge, die andere noch nicht wissen. Das macht beide aus.“

Dank an die Kollegen

Und genau das scheint Szalai jetzt auch in Hoffenheim zu beflügeln. Die Form, die Leistungen und die Trefferquote stimmen. Er fühle sich einfach wohl, meinte der Angreifer, dem die ganzen Komplimente fast ein wenig unangenehm, ja sogar peinlich waren. „Natürlich spürt man eine riesige Freude, wenn man das 1:1 und das 2:1 macht. Aber wir haben erst den zweiten Spieltag. Und wenn mir Nico Schulz, der seit Monaten überragende Leistungen zeigt, den Ball vorm 2:1 nicht so stark vorlegt, stünde ich jetzt gar nicht hier“, sagte Szalai, dessen Wert sich nach wie vor nicht nur an Treffern bemisst.

„Torgefährlich war er ja schon immer. Aber er arbeitet auch ungemein viel für die Mannschaft“ sagte am Samstag ein Mann, der nicht Thomas Tuchel hieß, aber eine ähnliche Philosophie verfolgt. Es war Julian Nagelsmann.

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