1899 Hoffenheim

Fußball Nach dem 2:2 in Lyon bleibt Hoffenheim nur noch ein Funken Hoffnung auf den Achtelfinaleinzug in der Champions League

Selbstkritik statt Ausreden

Lyon.Nico Schulz lehnte sich in den Katakomben der Olympique-Arena enttäuscht an die Wand. Der Nationalspieler der TSG Hoffenheim konnte dem 2:2 beim Champions-League-Rivalen aus Lyon trotz des späten Ausgleichs in Unterzahl nichts Positives abgewinnen. „Wäre Olympique vor dem Tor nicht blind gewesen, schießen sie uns ab. Das Remis war mehr Glück als alles andere“, sagte der Außenbahnspieler Schulz. Sein Blick ging ins Leere, ehe er ergänzte: „Wir fangen gut an und kriegen es nicht hin, in Führung zu gehen – und hinten sind wir immer wieder naiv und bekommen zwei dumme Tore. Bei mir überwiegt der Ärger.“

Eine treffende Analyse, schließlich haben es die Kraichgauer nach vier Vorrundenpartien nicht mehr selbst in der Hand, ins anvisierte Achtelfinale einzuziehen. Es ehrt die Mannschaft, dass sie hinterher keine Ausreden suchte, sondern die eigenen Defizite deutlich ansprach. Wie Schulz übte auch der starke Torhüter Oliver Baumann trotz der Aufholjagd nach der Gelb-Roten Karte für Kasim Adams (51.) Selbstkritik. „Wir dürfen nicht zufrieden sein. Die Chancen ins Achtelfinale zu kommen, sind sehr gering. Das Remis ist sehr glücklich und fühlt sich wie eine Niederlage an. Wir müssen uns ankreiden, dass wir nicht gut verteidigt haben. Das Spiel kann 1:6 ausgehen“, erklärte Baumann. „Moral und Charakter sind da. Es haben aber ein, zwei Prozent gefehlt, um das Spiel zu gewinnen.“

Nagelsmann total bedient

Was bleibt, ist ein kleiner Funken Hoffnung auf ein Fußball-Wunder. In den verbleibenden beiden Vorrundenduellen mit dem Letzten aus Donezk (27. November/Rhein-Neckar-Arena) und bei Spitzenreiter Manchester City am 12. Dezember braucht Hoffenheim wohl zwei Siege, um noch die nächste Runde zu erreichen. Lyon hat als Zweiter weiter drei Zähler Vorsprung und nun auch den direkten Vergleich für sich entschieden.

Ein Strohhalm ist die Aufholjagd durch die Treffer von Andrej Kramaric (65.) und Pavel Kaderabek (90.+2), die das vorzeitige Aus im Kampf um den Achtelfinaleinzug auf den letzten Drücker verhinderte. Damit schaffte es die weiter sieglose TSG immerhin als erstes Team in der Königsklasse, in Unterzahl einen Zwei-Tore-Rückstand aufzuholen. Schulz interessierte dieses Statistik-Detail indes nicht die Bohne: „Das Wort Hoffnung ist momentan schwer auszusprechen.“ Julian Nagelsmann war seine Stimmungslage ebenfalls deutlich anzumerken. Der Trainer, der akribisch auf den ersten Coup hingearbeitet und sich vor dem Match so zuversichtlich gegeben hatte, war gezeichnet. Nachdenklich zog er schonungslos Bilanz: „Diesen Punkt haben wir nicht verdient. Wir haben riesiges Glück, dass Lyon nicht vier oder fünf Tore schießt.“

Lyon überrumpelte sein Team, das den vorgesehenen Defensivplan in keiner Weise umsetzen konnte, mit den Treffern der überragenden Nabil Fekir (18.) und Tanguy Ndombelé (28.). Dabei machte vor allem der überforderte Adams keine gute Figur. „Der Schlüssel war, dass wir einfach nicht gut verteidigt haben. Nach dem 0:2 waren wir sehr hippelig und nervös“, kritisierte Nagelsmann, dessen Auswahl nur durch Baumanns Paraden und den Leichtsinn von Lyon bei der Chancenverwertung im Rennen blieb.

„Viele Baustellen“

„Für den Achtelfinaleinzug werden wahrscheinlich zwei Siege nötig sein. Wir müssen viele Baustellen bearbeiten und Gräben in der Defensive füllen. Die Zeit läuft uns davon“, blickte Nagelsmann voraus und ergänzte: „Es steht noch ein Hintertürchen offen.“

Alexander Rosen sah es ähnlich: „Das Endergebnis trübt den Blick auf das, was vorher passiert ist, nicht. Wir müssen uns nichts vormachen.“ Der Manager sah großen Verbesserungsbedarf im kollektiven Abwehrverhalten, das nicht Champions-League-tauglich war, und sprach von einer naiven Verhaltensweise. Die Ansatzpunkte sind allerdings nicht erst seit Mittwochabend bekannt. Sie ziehen sich durch die komplette Vorrunde. Auch das frustriert Nagelsmann. Er gibt seinen Profis immer wieder einen Plan in die Hand, doch diese scheitern im entscheidenden Moment immer wieder bei der Umsetzung.

„Die Aufgabe lautet jetzt, mit einem Heimsieg über Donezk die Europa League zu sichern – und damit die Chance auf ein Endspiel gegen Manchester City, das dann vielleicht schon durch ist“, erläuterte Rosen. Doch erst einmal wartet mit dem FC Augsburg am Samstag (15.30 Uhr/Rhein-Neckar-Arena) wieder der Bundesliga-Alltag. Das ist nach der Enttäuschung gegen ein wankelmütiges Lyon, das im Nachgang sehr mit der eigenen Chancenverwertung haderte, psychologisch eine große Herausforderung.

Info: Fotostrecke und Video unter morgenweb.de/fussball

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