Wagner-Weh und Wähnen

Von 
Rcl
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In wenigen Stunden wäre es soweit. Man würde auffahren. Nicht in den Himmel freilich, das muss noch unbestimmte Zeit, vielleicht gar bis zum St. Nimmerleinstag warten. Die Rede ist von der Auffahrt zum Grünen Hügel, der manchen Opernfreunden, ganz sicher aber überzeugten Wagnerianer gleichwohl der Himmel ist. Dort im oberfränkischen Elysium namens Bayreuth geht man nicht einfach in die Oper, man fährt auch nicht nur so ins Theater, nein, man fährt auf. Man würde vielmehr aufgefahren sein, wenn die Bayreuther Festspiele stattgefunden hätten und man im Besitz von Karten gewesen wäre. Aber wie gesagt: würde, wäre, hätte – Fahrradkette.

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In Bayreuth bleibt die wogende Welle der Zuschauer heute aus, kein „Tannhäuser“, nirgends. Ein Festival im Konjunktiv, seien wir ehrlich, ist eine wenig erquickliche Angelegenheit: Kein Schweiß rinnt durch weiße Frackhemden, kein Posaunist bläst zur Pause und sogar die fränkische Rostbratwurst muss warten, bis die Pandemie es gestattet. Der Komponist selbst liebte den Konjunktiv als irreale Aussageform so sehr, dass er all ihre grammatikalischen Finessen in das Wagner-Wort Wahn übertrug. Man muss nicht des Wahnsinns fette Beute sein, um sich „stark zu wähnen“ wie die der Dämmerung entgegenziehenden Götter im „Rheingold“. Selbstüberschätzung hieße dies heute. „Wahn, Wahn, überall Wahn!“ beklagt Hans Sachs in den „Meistersingern“ und meint damit eitles Streben, getragen vom Glauben an die eigene Bedeutsamkeit. Doch auch ideelles Streben, träumerische Sehnsucht beschäftigte ihn wahnsinnig, weshalb er gar sein Haus „Villa Wahnfried“ nannte („Wo mein Wähnen Frieden fand …“).

Wer sich heute auffahren wähnte, dem kann es so richtig Wagner-weh ums Herz werden, hätte doch Mannheims einstiger Erster Kapellmeister und kommissarischer Generalmusikdirektor Axel Kober am Pult gestanden. Hätte – ach …!