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Mainfranken Theater Würzburg - Mitreißende Tanzpremiere in der Blauen Halle / Unterschiedliche Kulturräume von Walzer und Tango vereint

Wider starre Geschlechterklischees

Von 
Felix Röttger
Lesedauer: 
Eine mitreißende Tanzpremiere mit Walzer- und Tango-Musik: „Lottes Ballhaus“ von Dominique Dumais und Kevin O’Day. © Nik Schölzel/Mainfranken Theater

Mit „Lottes Ballhaus“ feierte die erste Tanzproduktion der neuen Spielzeit am Mainfranken Theater Würzburg Premiere in der Theaterfabrik Blaue Halle. Die Luft schien vor Spannung zu vibrieren, als die Tänzerin Maya Tenzer im Anzug und mit keckem Chaplin-Bärtchen als „Lotte“ in freudiger Erwartung aus dem Saal zur Bühne stürmte und die Tanzfläche für das nachfolgende Tanzensemble freigab.

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Ein trefflich gewählter Auftakt, denn „Lotte“ bedeutet nach der sprachlichen Herkunft aus dem Althochdeutschen „die Tüchtige“ und „die freie Frau“. Ein Statement, das später aufgegriffen wurde, als umgekehrt Tänzer ihre Hosen zeitweise mit langen Röcken tauschten.

Die Intention, festgeschriebenen Geschlechterklischees entgegenzuwirken, war löblich, beförderte andererseits nicht unbedingt das erotische Spannungsverhältnis, das den Paartanz beim Walzer und noch mehr beim Tango auszeichnet. Denn ausschließlich diesen beiden Tanzstilen war dieser Abend gewidmet. Im Ergebnis verstärkte sich optisch der Eindruck, dass die Tänzerinnen in Röcken, die Tänzer mit Röcken tanzten; unvorteilhaft vor allem bei den überschlanken Figuren.

Ein Ball ohne Bälle

Ein „Ballhaus“ in seiner ursprünglichen Bedeutung war kein Tanzsaal, sondern ein Gebäude, in dem man sich an Fürstenhöfen bis zum 19. Jahrhundert mit dem Ballspiel „Jeu de Paume“ unterhielt.

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Ein markanter Leuchter und braune Lamellenvorhänge als Wandelemente reichten Bühnenbildner Thomas Mika aus, um puristisch die unterschiedlichen Kulturräume des Walzers und Tangos zu vereinen. Die Wände schmückten dezente europäische Kachel-Ornamente, und zur Tangomusik wurden geöffnete Lamellen zu lichtdurchfluteten Fensterläden. Während sich Ballettdirektorin Dominique Dumais für ihre Choreografie von Walzermusik inspirieren ließ, wählte Artist in Residence Kevin O‘Day den Tango. tatt vom Band gab es delikate bis hinreißende Live-Musik vom Philharmonischen Orchester Würzburg unter der Leitung von Gábor Hontvári. Die Premiere wurde dank des exquisiten Zusammenspiels von Musik und Tanz ein beglückendes oder berauschendes Erlebnis. Berauschend war der Auftakt mit dem Johann Strauß-Walzer „Künstlerleben“ und der „Walzer Nr.2“ aus der Suite Nr.2 für Jazz-Orchester von Dmitri Schostakowitsch.

Beglückend zu sehen und zu hören war „The Waltz“ aus The Godfather von Nino Rota, als sich die lyrischen Kräfte der Komposition und des Tanzes bündelten. Ein Novum: Dem von Anna Vitas Choreografien verwöhnten Würzburger Publikum wurde mit der Interpretation von „Valse triste“ von Jean Sibelius ein kurzes dramatisches Handlungsballett geboten.

Der traurige Walzer zu Arvid Järnefelts Drama „Kuolema“ umspielt die Traumsequenz einer kranken Mutter, die im Sterben liegt. Im Traum entschwebt sie zu einem Ensemble, mit dem sie bis zur Erschöpfung Walzer tanzt. Die geisterhaften Tänzer verschwinden, doch aufgeben will die Mutter nicht, bis dann der Tod erscheint. Stücke von Johannes Brahms, Eric Satie, Evgeny Grinko, Mozart und Aram Chatschaturjan mit seinem effektvollen Maskerade-Walzer überforderten mit ausdrucksstarken Pas-de-Deux-Elementen und Hebefiguren im Einklang mit Farben und Lichtern fast die Sinne.

Ballhaus-Atmosphäre

Die stimmungsvolle Ballhaus-Atmosphäre wurde mit „Take This Waltz“ von Leonard Cohen und Federico Garcia Lorca heraufbeschworen und in der Pause stimmungsvoll mit der Tonanlage auf „Betriebstemperatur“ gehalten.

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Das Regelwerk des Internationalen Tangos als Turniertanz ließ auch Choreograf Kevin O‘Day weit hinter sich, als er sich im zweiten, kürzeren Teil des Abends der von Astor Piazzolla geprägten Tango-Argentino-Szene widmete. Bei Piazzollas Kompositionen „Libertango“ als Arrangement für Klavier und Orchester und für Trompete und Orchester von Yannik Helm und „Oblivion“ folgte das Tanzensemble stilsicher dem Mix aus getragener, melancholischer oder leidenschaftlicher Stimmung, der so typisch für den „Tango Nuevo“ mit europäischen, kreolischen und nicht zuletzt afroamerikanischen Verflechtungen ist. Das Tanzensemble gefiel mit einer stimmigen Interpretation der emotionalen Höhen und Tiefen des Walzers und des Tangos. Dabei musste man sich von der Erwartungshaltung lösen, schulmäßige Turniertänze in Vollendung zu erleben. Den beim Walzer und Tango vorrangig von rhythmisch vorgegebenen Körperdrehungen und Schritten geprägten Tanzstil erweiterten Dumais und Kevin O‘Day um eine breite Palette an Bildern. Schnell, fließend und temperamentvoll wurde die Walzermusik vertanzt, wobei sich das Bewegungsrepertoire des Ensembles bei den letzten beiden Stücken vor der Pause fast erschöpft hatte.

Der Tango Argentino hingegen bot ein noch breiteres Spektrum für abwechslungsreiche Bewegungsabläufe. Für den sehr anregenden und gelungenen Abend belohnte das Publikum in der nicht ganz besetzten Blauen Halle alle Mitwirkenden mit stürmischem Applaus.

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