Theater Heilbronn - "Der nackte Wahnsinn" von Michael Frayn begeisterte das Premierenpublikum Eine virtuose Slapstick-Komödie

Von 
Leonore Welzin
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Nackter Wahnsinn: Tobias D. Weber, Bettina Burchard, Sylvia Bretschneider, Oliver Firit und Sabine Unger in der Heilbronner Inszenierung.

© Thomas Braun

Wo findet Theater eigentlich statt? Natürlich auf der Bühne, so die landläufige Meinung. Doch nach einem Probenbesuch sieht es der Autor Michael Frayn (Jahrgang 1933) anders. Die Bühne ist nur die glattgebügelte Fassade, hübsch aufbereitet für's Publikum. Das eigentliche Theater spielt sich bei Proben und hinter den Kulissen ab. Was bei einer Premiere zu sehen ist, ist kalter Kaffee verglichen mit den Turbulenzen und der unfreiwilligen Komik einer Derniere, wie sie Frayn in "Noises Off" (1982) vorführt.

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Was da abgeht ist "der nackte Wahnsinn", so der deutsche Titel des Stückes, das als Mutter aller Komödien bezeichnet wird. Die knapp dreistündige Heilbronner Premiere (samt einer Pause), wurde vom Publikum im Großen Haus kurz aber begeistert gefeiert.

Frayn zeigt eine englische Tourneetheater-Truppe bei der Generalprobe. "Ja, ja, ich kann nicht gleichzeitig eine Sardinenbüchse öffnen und das Telefon bedienen" meckert Mrs. Clackett. Die Haushälterin wollte sich gerade einen gemütlichen Fernsehabend im Landhaus gönnen. Erst klingelt das Telefon, dann spaziert der Makler mit einer Interessentin der Immobilie herein, das wahre Motiv des Paares ist allerdings ein Seitensprung. Den durchkeuzen die eigentlichen Bewohner, die sich aus Steuergründen nach Spanien abgesetzt hatten, das zumindest dachte Mrs. Clackett. Die alternde Dame und ihre Ölsardinen werden zum Dreh- und Angelpunkt einer rasanten Choreografie, die sich über zwei Etagen und acht Türen treppauf und treppab entspinnt. Frayns Theaterstück übers Theater hat alle Zutaten einer Boulevardkomödie: Telefongeklingel, klemmende Türen, verlorene Kontaktlinsen, Unmengen von Requisiten, Aussetzer und Einspringer für Darsteller, die dem Schnaps verfallen sind. Weder Stichworte noch Gänge klappen. Der Regisseur, kurz vor dem Wahnsinn, unterbricht, erklärt, lässt wiederholen. Als der Akteur des Einbrechers seinen Auftritt verpasst und erst gesucht werden muss, reicht's ihm.

Was mit einer Klamotte beginnt steigert sich im zweiten Akt zur Tragikomödie: Die gleiche Aufführung einen Monat später, allerdings um 180 Grad gedreht, beobachtet der Zuschauer das Spektakel nun aus der Backstage-Perspektive.

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Es menschelt auf der Hinterbühne. Die ältere Diva schnappt sich einen jugendlichen Liebhaber. Zwischen Regisseur, Souffleuse und einer jungen Schauspielerin läuft eine folgenreiche Dreiecksgeschichte. Die Whisky-Flasche wandert wie ein Running Gag von Versteck zu Versteck. Eifersucht und Morddrohungen, alles muss geräuschlos ablaufen.

Die Konfusion mit Tendenz zum Chaos verlangt den Schauspielern pantomimisch alles ab. Noch einmal dreht sich die Bühne. Eine dritte Version zeigt - wieder von vorn - die letzte Vorstellung. Text, Handlung und Bühne werden unter vollem Körpereinsatz demontiert.

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Eine akribisch ausgearbeitete Inszenierung und ein Heidenspaß für das Heilbronner Ensemble: Sabine Unger (Dotty Otley), Nils Brück (Garry), Bettina Burchard (Brooke), Oliver Firit (Freddy), Sylvia Bretschneider (Belinda), Frank Lienert-Mondanelli (Einbrecher), Tobias D. Weber (Regisseur), Katharina Leonore Goebel (Soufflage, Regieassistenz) und Anjo Czernich (Inspizient).

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Auch wenn die Sardinen etwas überstrapaziert werden - mehrfache Ausrutscher auf dem Öl möchte man nicht missen - nimmt das Finale dadaistische Züge an. In der Regie von Uta Koschel, dem Bühnenbild von Tom Musch und der Dramaturgie von Kristin Päckert ist dem Ensemble mit "Der nackte Wahnsinn" ein virtuoses Slapstick-Spektakel gelungen.