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Torturmtheater Sommerhausen

Wie viel darf Firma eigentlich?

Zwei-Personen-Stück „Emma in Love“ von Mike Bartlett feierte Premiere

Von 
Manfred Kunz
Lesedauer: 
Laura Egger (rechts) und Antonia Kofler überzeugen im Torturmtheater Sommerhausen als Managerin und Angestellte im Zwei-Personen-Stück „Emma in Love“. © Torturmtheater

Wie weit darf ein Arbeitgeber ins Privatleben seiner Angestellten eingreifen? Wo enden die Interessen der Firma und wo beginnt die geschützte Privatsphäre? Und ist in der modernen Büro- und Berufswelt des 21. Jahrhunderts diese Trennung der Sphären überhaupt noch möglich? Fragen, die jeden von uns, der im Arbeitsleben steht, unmittelbar betreffen.

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Um genau diese Fragen kreist auch das packende Zwei-Personen- Stück „Emma in Love“ des britischen Autors Mike Bartlett, das soeben im Torturmtheater Sommerhausen (TTT) Premiere hatte. Die Firma, in der die Titelfigur Emma beschäftigt ist, geht an die Grenzen des Zulässigen und darüber hinaus. So verbietet sie im Arbeitsvertrag allen Beschäftigten jegliche „Beziehung, Tätigkeit oder Tat, die in ihrer Natur ganz, überwiegend oder teilweise als sexuell oder romantisch bezeichnet werden kann, ohne die Firma darüber zu unterrichten.“ Also das Kennenlernen von und Flirten mit Kollegen und Kolleginnen, und damit genau das, was in der Wirklichkeit gang und gäbe ist, und laut repräsentativer Untersuchungen neben Ausbildung und Freundeskreis als die dritte große Partnerbörse funktioniert.

In regelmäßigen Gesprächen mit der namenlosen (Personal-) Managerin wird die tüchtige und strebsame Emma genau dazu befragt. Ausstatterin Angelika Relin hat für diese eher inquisitorischen Befragungen aus sechs schwarzen Stellwänden und mit zwei modernen, durchsichtigen Plastiksesseln die angemessen kalte Bühne geschaffen. Erst recht legt die Kostümierung das Machtgefälle bloß: der dominante Nadelstreifen-Hosenanzug markiert allein optisch die Überlegenheit der Führungskraft über das funktional-schlichte, farblich blasse, langer Rock/bequemer Pullover-Outfit der Angestellten.

Insistierende Befragung

Was anfänglich als routiniertes Plaudern über den beruflichen und privaten Alltag mit dem Austausch floskelhafter Plattitüden beginnt, kippt schnell in eine insistierende Befragung, als das passiert, was eigentlich nicht passieren darf: Emma geht mit einem Kollegen aus, hat Sex mit ihm und verliebt sich letztendlich auch noch in ihn. Als Emma schließlich auch noch von Daaron schwanger wird, gerät das Regelwerk der Firma kurzzeitig außer Kontrolle. Doch die Firma sitzt am längeren Hebel, droht Emma mit Arbeitsplatzverlust, versetzt den Vater Daaron nach Kanada und zerstört somit die Familie.

Der grausame Höhepunkt dieser Firmen-„Fürsorge“ ist letztlich, dass mit dem Tod des gemeinsamen Sohnes die Beziehung für das Paar ein tragisches Ende findet, für die Firma dadurch beide wieder uneingeschränkt als bestens funktionierende Arbeitskräfte zur Verfügung stehen.

Die beiden in München lebenden Schauspielerinnen Laura Egger (Managerin) und Antonia Kofler (Emma) füllen ihre Rollen perfekt aus. Mit diabolischem Vergnügen gibt Egger die gefühlskalte, immer rationale, und zu 150 Prozent loyale Personalerin, die nichts anderes im Sinn (und Leben) hat, als in jeder Situation knallhart das Firmeninteresse zu vertreten.

Antonia Kofler ist die ehrgeizige und aufstrebende Mitarbeiterin, die aber auch im Privaten und in der Familie ihr Glück sucht - aber unter diesen Bedingungen von Kontrolle und Überwachung gar nicht finden kann. Der TTT-erfahrene Regisseur Ercan Karacayli hat die zerstörerischen Dialoge der beiden Frauen behutsam und mit großem Einfühlungsvermögen in die Figuren inszeniert.

Herausgekommen ist dabei intensives, spannendes und großartiges Schauspielerinnen-Theater, das einmal mehr den Theater- Ausflug nach Sommerhausen lohnt. Und das mit der völlig unerwarteten Schlussszene dem Abend noch eine weitere Wendung gibt.

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