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Street-Art mit Popcorn

Eine Szene aus jungen Alternativen und Künstlern verleiht der serbischen Hauptstadt neues Flair. Auch Belgrads Bewohner beginnen, ihre Stadt mit ganz anderen Augen zu sehen.

Von 
Jonathan Ponstingl
Lesedauer: 
Street-Art in Belgrad – erlebbar bei einem Kunst-Spaziergang. © Jonathan Ponstingl

In Belgrader Straßen riecht es nach Kino. Auf der Shoppingmeile Knez Mihailova stehen alle paar Meter gelbe Buden, an denen Verkäufer Popcorn mit balkantypischen Gewürzen feilbieten. Musiker klimpern auf Elektrogitarren, Maler verkaufen ihre Werke. Aus den Lautsprechern der Cafés dröhnt Popmusik. Dazwischen herrscht geschäftiges Treiben.

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Bepelzte Serbinnen stöckeln die Fußgängerzone entlang, die Jugend ist auf dem Weg zum Kalmegdan. Die große Parkanlage rund um die Festung wartet mit Blick auf den Zusammenfluss von Save und Donau auf. Im Zentrum zwischen dem Platz der Republik und Kalmegdan ist alles wie immer. Für die umgebenden Viertel gilt das nicht. Belgrad verändert sich und Zentrum der urbanen Dynamik sind die Stadtteile Dorcol und Savamala.

Belgrad

Anreise

Von Stuttgart nach Belgrad gibt es Flüge mit Air Serbia, www.airserbia.com, oder ab März auch mit Eurowings, www.eurowings.com.

Unterkunft

In schlichter Eleganz nächtigt man im Hotel Constantin the Great. DZ inklusive Frühstück ab 100 Euro, www.constantinethegreatbelgrade.com/hotel/

Gemütlich und zugleich schick ist das Garni Hotel Le Petit Piaf. DZ/F ab 83 Euro, https://petitpiaf.com/

Aktivitäten

Führungen zum Belgrader Untergrund und mehr bietet Belgrade Walking Tours an, www.belgradewalkingtours.com.

Spaziergänge zur Kunstgeschichte und Street-Art kann „Street Art Walks Belgrade“ vermitteln, Infos unter: https://streetartwalksbelgrade.com/

Die verschiedenen Sehenswürdigkeiten der Festung Belgrad haben unterschiedliche Öffnungszeiten und Preise. Die meisten Einrichtungen sind in den Wintermonaten Dienstag bis Sonntag jeweils von 10 bis 17 Uhr geöffnet und kosten zwischen 1 und 3 Euro. Details unter www.beogradskatvrdjava.co.rs/

Allgemeine Informationen

Tourism of Belgrad, www.tob.rs/en, und Serbia Travel, www.serbia.travel/en

Srdan Tunic macht den Wandel an der Kunst aus. Er ist Historiker und Kurator und bietet Spaziergänge durch Belgrad an. Die Touren sind Teil des Projektes „Street Art Walks Belgrade“. Graffiti, Murals, Tags, Schablonentechniken – die Stadt ist voll davon. Belgrader Fassaden dienen als Leinwand für serbische und internationale Künstler. Was an Berlin erinnert, hat sich zu einem eigenen Stil entwickelt. „Belgrader Street-Art ist selten ausdrücklich politisch. Ich verstehe es als dynamische Subkultur“, sagt Tunic.

Der Star der Szene ist eine Frau, was insofern erwähnenswert ist, da der Großteil der Belgrader Street-Art-Künstler männlich ist. Im Alter von 16 Jahren begann sie, öffentliche Flächen zu gestalten. Ihre Kunstwerke markiert sie mit TVK. Diese Abkürzung steht für The Kraljica Vila und bedeutet übersetzt in etwa Elfenkönigin. Die Bilder haben durchaus eine politische Dimension. Eine in eine Plastikflasche eingesperrte Meerjungfrau wirbt für mehr Umweltschutz. Zahlreiche Wandgemälde vermitteln ein selbstbewusstes Frauenbild. Ein rosa Schweinchen mit der Unterschrift „Go vegan“ ist ein weiteres Wandsymbol mit klarer Botschaft. Die kleinen Tierchen ploppen überall in der Stadt auf. Sie sind Symbol einer alternativen Bewegung. In der sehr fleischlastigen serbischen Küche kommen sie einer kulinarischen Revolution gleich. Vegane Restaurants eröffnen neben den klassischen Lokalen mit herzhaften Cevapcici. In Hinterhöfen in Savamala entstehen kleine Cafés im Industriedesign, ehemalige Fabrikhallen werden zu Kunstkonglomeraten mit angeschlossener Gastronomie umgestaltet. Essen und Trinken sind wichtige Bestandteile der serbischen Kultur und zugleich Zeugnis der bewegten Vergangenheit, quasi eine Fusionsküche aus Ost und West.

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„Die Belgrader beginnen, ihre eigene Stadt kennenzulernen“, sagt Miodrag Popovic. „Die Kunstszene und die alternative Szene explodieren regelrecht.“ Er ist als Chef der Belgrader Tourismusbehörde der oberste Vermarkter der Stadt. Novica Hadic betrachtet den Wandel hingegen aus einer besonderen Perspektive. Er führt Besucher durch den Untergrund. Ein grimmig dreinblickender Sicherheitsmann öffnet ein Vorhängeschloss auf dem Gelände der Festung und gibt den Weg frei. Hadic führt seine Besucher in einen Teil der Festung, der bis vor wenigen Jahren noch unbekannt war – weil man nichts von seiner Existenz wusste. Erst ein Erdrutsch legte den Militärbunker frei. Ähnliches gilt für das ehemalige Schießpulver-Lager außerhalb der Festungsmauer. Oben zeugen schräge Fenster vom Versuch, Kanonenkugeln keinen Einlass zu gewähren. Unten ist der Boden mit Kaugummis übersät. An den Wänden stehen in Stein gehauene Kunstwerke und Sarkophage. Zeithistorisches Zeugnis trifft Abfall der Moderne. Die Kaugummis waren auch vor 20 Jahren schon hier, als diese historische Einrichtung eine Diskothek war.

Bei einem heutigen Besuch wirkt das unvorstellbar. Die Stadtverwaltung besann sich des historischen Werts und ordnete die Schließung des Clubs an. Die historischen Fundstücke blieben unbeschädigt – mit Ausnahme eines Steinsockels, der verschwunden war.

Jahre später wurde er von einem Pärchen zurückgegeben. Der Mann hatte den Opferaltar der alten Römer mitgehen lassen und für seinen Heiratsantrag umfunktioniert. Danach fungierte er als Beistelltisch. Bis das Gewissen zu sehr drückte. Zwischen den modernen Bauprojekten bewahrt Belgrad einen Teil der Tradition. Das ist auch für Touristen wichtig. Die Kultur ist eine Gemengelage aus zentraleuropäischen und persischen Einflüssen. „Wir sind das Tor in die gesamte Region. Alles, was in diesen Teil Europas kommt, muss durch Belgrad, schon immer. Das merkt man“, sagt Popovic. Der kulturelle Mix ist nur eines der Resultate. Die Weltoffenheit ein weiteres. Belgrad gibt sich betont gastfreundlich und scheut sich nicht vor der Konfrontation mit der eigenen Geschichte. Die junge Generation der Alternativen und Künstler, der Café-Betreiber und Atelier-Besitzer tut ihr Übriges, um Belgrad ein mondänes Antlitz zu verleihen. Dazu passt Popcorn immer.

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