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Literatur - Existenzielle Verlorenheit gestaltet

Nobelpreisträgerin Louise Glück legt neue Gedichte vor

Von 
Frank Dietschreit
Lesedauer: 

Eine gestaltlose Stimme erinnert sich an eine längst vergangene Zeit. Die Erinnerung scheint aus einem Traum oder Märchen zu stammen, nicht aus wirklichem Erleben: „Jedes Jahr, wenn der Winter kam, gingen die alten Männer / in den Wald, um Moos zu sammeln, welches / auf der Nordseite mancher Wacholdersträucher wuchs.“ Waren ihre Säcke voll, machten sie sich mühsam auf den Heimweg. Die Frauen fermentierten und präparierten das Moos, bestrichen es „mit wildem Senf und kräftigen Kräutern“, machten daraus ein belebendes Winterbrot.

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Sie verkauften die „in Wachspapier gewickelten Brote auf dem Marktplatz, / während der Schnee fiel“. Das Buch, in dem sie einst die Zutaten und die Zubereitung der Brote notierten, und das Buch, das die Lyrikerin jetzt mit ihren eigenen Worten nacherzählt, als würde sie einer fernen mythischen Zeit ihre Stimme verleihen, enthält „nur Rezepte für den Winter, wenn das Leben schwer ist. Im Frühling / kann jeder ein feines Mahl zubereiten.“

Fantasievoll und verdichtet

„Winterrezepte aus dem Kollektiv“ ist das titelgebende Gedicht der Lyriksammlung, die Literaturnobelpreisträgerin Louise Glück wie ein sanftes Ruhekissen, gefüllt mit zeitlosen Weisheiten und naturphilosophischen Reflexionen, dem Leser übereignet. Es ist das erste Buch der Dichterin, seitdem sie plötzlich im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht. In ihrer US-amerikanischen Heimat ist sie eine feste literarische Größe, hierzulande aber noch immer ziemlich unbekannt und unverstanden. Ob sich das jetzt ändern wird, scheint ein wenig fraglich. Denn die Verse, die Louise Glück mit weltflüchtiger Fantasie und kontemplativer Verdichtung schmiedet, künden von depressiver Verstimmung und existenzieller Verlorenheit, oft nahe am Verstummen.

Manchmal verrutschen der Dichterin auf der Suche nach einem Du und einem mitfühlenden Kollektiv auch die Bilder, schrammen knapp am Kitsch vorbei. Von Bonsai-Bäumchen („Wir haben sie ihres Ursprungs beraubt, / daher brauchen sie uns jetzt“) ist die Rede, von der untergehenden Sonne, von einer Reisenden, die, als die Freundin sie verlässt, in einem abgelegenen Hotel strandet und nie ans Ziel kommt.

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Immer wieder versucht die Stimme, ihre geliebte Schwester und die Gegenwart ihrer verstorbenen Mutter heraufzubeschwören, gräbt aus der verschütteten Kindheit einen Tag im Park aus, hört den Wind rauschen, sieht sich im Blätterhaufen mit der Schwester herumtoben. Doch die Mutter weiß es besser und erinnert sich anders: „Ihr habt nie getobt. / Ihr wart brave Mädchen“. Die Zeit vergeht, die Erinnerung verblasst, die Wahrheit ist nur eine vage Vermutung, das Leben nur ein Warten auf den Tod: „Alles ist zu Ende, sagte ich. / Und ist das der Fall, / hat es keinen Zweck etwas anzufangen, / nicht einmal einen Satz.“ Doch dann beginnt sie wieder von neuem, spricht gegen das Verdämmern an. Oft mit großer poetischer Anstrengung und Gespür für den Klang der alltäglichen Sprache. Leider hat Übersetzerin Uta Gosmann kein gutes Gefühl für den Rhythmus des mäandernden Erzähl-Flusses. Statt freier Variation sklavische Wortreue. Zum Glück ist die mit chinesischen Schriftzeichen geschmückte Ausgabe zweisprachig. Das Original entschädigt für manchen Missgriff.

Freier Autor

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