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Kino - Existenzieller Weltschmerz

Robert Guédiguians „Gloria Mundi“

Von 
Wolfgang Nierlin
Lesedauer: 

Ein Mensch wird in die Welt geworfen, in der das soziale Sein das Bewusstsein bestimmt. Es ist ein Mädchen und soll Gloria heißen, so wie der Film von John Cassavetes. Hilflos strampelt es sich frei, immer in der Angst vor dem Licht, das es nicht kennt, und einer Kälte, die es zukünftig umfangen wird. Erst der reinigende Wasserstrahl scheint in Erinnerung an den Mutterleib Entspannung, vielleicht sogar Beruhigung zu bringen. Robert Guédiguian hat die einleitende Geburtsszene seines neuen Films „Gloria Mundi“ als Hommage an den experimentellen Dokumentarfilm „Leben“ (1993) des armenischen Filmemachers und Theoretikers Artawasd Peleschjan gedreht.

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Mathilda (Anaïs Demoustier) und Nicolas (Robinson Stévenin) heißen die strahlenden Eltern, die mit der Verwandtschaft „auf das Glück“ anstoßen. Doch dieses ist nur ein flüchtiger Moment in einem Leben, das von Geld und Ausbeutung, Konkurrenzkampf und einer demütigenden Unterdrückung bestimmt wird. Das junge Paar hat Existenzsorgen: Während Thilda als Verkäuferin auf Probe jobbt und sich wenig Hoffnung auf eine Festanstellung macht, arbeitet Nico als Chauffeur mit eigenem Auto, das noch nicht abbezahlt ist. Als er brutal überfallen und verletzt wird, verliert er seine Arbeit. Vor lauter Sorgen bleibt den beiden keine Zeit für die Liebe: „Wir sind Nobodys.“

Das Gegeneinander aufbrechen

Im Kontrast dazu scheint es Thildas Halbschwester Aurore (Lola Naymark) und ihrem Freund Bruno (Grégoire Leprince-Ringuet) blendend zu gehen. Sie betreiben in einem sozial prekären Viertel Marseilles ein Geschäft für private An- und Verkäufe, das sie mit harter Hand führen, stets auf den eigenen Vorteil bedacht. Zudem nehmen sie Drogen und führen ein ausschweifendes Sexleben. Bruno, der eine heimliche Affäre mit Mathilda pflegt, sieht sich als „Anführer“, der voller Verachtung auf die „Verlierer“ blickt.

Robert Guédiguian erweitert seinen in parallelen Handlungssträngen erzählten, sozialrealistischen Ensemblefilm, der sich zum Familiendrama auswächst, noch um die Elterngeneration. Deren soziale Lage ist kaum weniger prekär: Während Sylvie (Arian Ascaride), die Mutter der Halbschwestern, als Putzfrau arbeitet und sich einem geplanten Streik widersetzt, verdingt sich Aurores Vater Richard (Jean-Pierre Darroussin), ein herzensguter Mensch, als städtischer Busfahrer. Er ist es auch, der die Familie wiederholt zu Solidarität und Zusammenhalt auffordert. Guédiguian, ein Meister der authentischen Milieuschilderung und wahrhaftiger Dialoge, zeigt immer wieder, wie das Gegeneinander der Menschen aufgebrochen werden könnte.

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