Plácido Domingo - der Weltstar mit #MeToo-Schramme

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Stefan M. Dettlinger
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Ein Foto spricht von überwältigendem Erfolg: Blick in den gefüllten Ehrenhof des Mannheimer Schlosses, in dem Plácido Domingo am 9. August 1997 auftrat. © M. Rinderspacher

Sein Name löst in Mannheim und der Region zumindest immer noch gemischte Gefühle aus. Nicht wegen seines Konzerts im Ehrenhof des Mannheimer Schlosses 1997. Plácido Domingo war als einer der berühmten Drei Tenöre auch Gegenstand eines großen Mannheimer Strafverfahrens um den Mannheimer Impresario Matthias Hoffmann, das am Ende bis vor den europäischen Gerichtshof ging. Dort wurde Hoffmann nach Jahren des Prozessierens und seiner zwischenzeitlichen Verurteilung zu fünf Jahren, acht Monaten Haft und einer Geldstrafe von umgerechnet zwei Millionen Euro im April 2003 entlastet. Im Juni darauf folgte der Bundesgerichtshof der Sichtweise des EUGH. Hoffmann war ein freier Mann.

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Mit Franz Mazura in Bayreuth

Im Kern ging es darum: Haben Domingo, Luciano Pavarotti und José Carreras bei ihren erfolgreichen Auftritten vor teils ausverkauften Fußballstadien als Ensemble und also steuerfrei gesungen oder als Solisten, womit die Gagen hätten versteuert werden müssen. In diesem Fall hätte Hoffmann nach Überzeugung der Mannheimer Richter 15 Millionen Mark an Steuern hinterzogen.

Längst ist Gras über die Geschichte gewachsen. Pavarotti ist 2007 mit 71 Jahren gestorben. Carreras, der Ende der 1980er Jahre eine lymphatische Leukämie überstand, singt seit 2015 nicht mehr und widmet sich stattdessen vor allem seiner Leukämiestiftung, für die er schon 200 Millionen Euro gesammelt hat. Und Domingo ist kein Tenor mehr. Seit Jahren singt er Partien im Baritonfach.

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Man könnte nun sagen: Eigentlich war Domingo, der am Donnerstag 80 Jahre alt wird, immer ein hoher Bariton. Denn im Gegensatz zu den meisten Tenören vor allem des italienischen Fachs hatte der Ton des „Königs der Oper“, des „besten Tenors aller Zeiten“ immer einen hohen Anteil körperlicher, brustiger ergo dunkler und fleischiger Nuancen. Gerade deswegen klang er auch in höchsten tenoralen Höhen noch angenehm geerdet. Und nie angestrengt. Als Otello, Nabucco oder Rigoletto begeisterte er. Nicht nur mit seiner Stimme, auch mit Charisma, Schauspielkunst, Bühnenpräsenz.

Domingo ist einer der wenigen „italienischen“ Tenöre, die bei den Bayreuther Festspielen sangen. 1992 debütierte er unter James Levine in Wolfgang Wagners Deutung als „Parsifal“. Sein Kontrahent damals ein heutiges Ehrenmitglied des Nationaltheater Mannheim: der 2019 verstorbene Neckarhäuser Franz Mazura als diabolischer Klingsor. Bis 2000 sang Domingo auf dem Grünen Hügel, zuletzt 2000 den Siegmund in „Die Walküre“, die er immerhin 2018 im berühmten mystischen Abgrund des Festspielhauses auch noch dirigierte.

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Vielfältig war er schon immer. Sein Repertoire soll 150 Rollen umfasst haben. Das hat kein anderer berühmter Opernsänger der Geschichte jemals erreicht. Auch nicht Enrico Caruso. Ebenso verhält es sich mit seinen rund 4000 Vorstellungen als Sänger und 500 als Dirigent. Sagenhaft in einer 60-jährigen Karriere.

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Die jetzt aber stillsteht. Nicht Musik, Corona regiert die Welt. Und ein Skandal, der hässliche Schrammen am Ruhm hinterlässt: Im Zuge der #MeToo-Bewegung hatten ihm Frauen im August 2019 teils Jahrzehnte zurückliegende sexuelle Belästigung vorgeworfen. Die meisten anonym. Anzeigen gab es keine. Aber die vermeintlichen Affären hatten Nachwehen weit ins vorige Jahr hinein. Eine von der Oper in Los Angeles beauftragte Untersuchung kam im März zu dem Ergebnis, dass bestimmte Vorwürfe des „unangemessenen Verhaltens“ glaubwürdig seien. Auch eine Untersuchung des US-Verbands der Musikkünstler vom Februar 2020 kam zum Schluss, dass Domingo „unangemessene Aktivitäten“ vom Flirt bis hin zu sexuellen Avancen ausgeübt habe. Nach den Vorwürfen war der 1941 in Madrid geborene Domingo im Oktober 2019 als Chef der Oper Los Angeles zurückgetreten.

Sohn eines Zarzuela-Ehepaares

Der Vater dreier Söhne und mehrfache Großvater versichert, er habe „niemals jemanden belästigt“. Er verurteile sexuelle Belästigung „in jeder Situation, an jedem Ort und zu jeder Zeit“. Der spanischen Zeitung „El Mundo“ sagte Domingo, er habe „eine schlimme Zeit“ erlebt, die aber überwunden sei. Die Zuneigung und die Solidarität von Freunden und Kollegen, aber auch von fremden Menschen habe er genossen. Inzwischen sind die anklagenden Stimmen weitgehend verstummt.

Der Gesang war Klein-Plácido in die Wiege gelegt worden. Die Eltern: Sänger an einer Madrider Zarzuela-Bühne, spanische Operette. Als Domingo acht war, wanderte die Familie nach Mexiko aus, wo Domingo auch seine Frau Marta (86) am Konservatorium kennenlernte. An Rente denkt er auch mit 80 nicht. „Das Alter ist keine Ausrede dafür, dass man die Begeisterungsfähigkeit verliert oder nicht weiter träumt.“ Offenbar ist er auch als Träumer ein Kämpfer gegen die Zeit - und in dieser Eigenschaft durchaus dem ehemaligen Impresario Hoffmann verwandt: Der hatte 2020 schon wieder einen Prozess am Hals - wegen Insolvenzverschleppung seiner Firma „Afrika! Zirkus & Veranstaltungs GmbH & Co. KG“. Es geht um 1,5 Millionen Euro. Das Urteil soll kommende Woche fallen.

Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „Mannheimer Morgen“ seit 2006. Er schreibt dort in erster Linie über Musiktheater und Klassik, aber auch über andere kulturelle Thematiken. Im Zentrum seines Interesses stehen vor allem auch die politische und kulturpolitische Berichterstattung. Davor, seit 2000, war Dettlinger Musikredakteur in der Kulturredaktion des „Südkurier“ in Konstanz. Dettlinger ist von Haus aus Musiker. Er studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin am musikwissenschaftlichen Institut bei Hermann Danuser und Wolfgang Auhagen sowie dank eines Jahresstipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Paris bei Michel Béroff Klavier. Den Beginn des Studiums absolvierte er mit dem Musiklehrer-Diplom an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, wo er Klavier, Musiktheorie, Gehörbildung und Komposition in den Hauptfächern sowie Gesang im Nebenfach studierte. Dettlinger stammt aus Stuttgart, wo er Abitur machte und die ersten 27 Jahre seines Lebens verbrachte. Im Herbst 2016 veröffentlichte er im Wellhöfer-Verlag seinen ersten Roman "Linds letzte Laune", der in der Medienwelt spielt.