FN-Interview - Cellistin Raphaela Gromes erzählt über das Künstlerleben in Pandemiezeiten, über Öffnungsstrategien für Kulturschaffende und das geplante Konzert in Wertheim

„Musik ist mein Weg, den Menschen zu helfen“

Von 
Diana Seufert
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Freischaffende Künstler wie Cellistin Raphaela Gromes haben es in der Corona-Krise nicht leicht. Mit ihrer Musik will die 30-Jährige, die bereits mit vier am Cello saß, den Menschen Mut machen und ihnen seelische Nahrung geben – unter anderem im Juni in Wertheim im Rahmen des Würzburger Mozartfests. Im Interview erzählt sie von ihren Corona-Erfahrungen mit der Politik, bei der die Kultur als erstes geopfert wird, von der Hoffnung auf Konzerte und über ihre Leidenschaft, musikalische Perlen zu suchen und zu finden.

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Frau Gromes, wie geht es Ihnen in der Pandemie?

Cellistin Raphaela Gromes hofft, dass das geplante Konzert am 12. Juni im Rahmen des Würzburger Mozartfests in Wertheim stattfinden kann. © Sammy Hart

Raphaela Gromes: Es ist ein ständiges Auf und Ab. In den ersten Wochen war es schön, mal eine Pause zu haben, wie ich sie seit dem Abitur nicht mehr hatte. Ich habe es genossen, zu kochen und zu backen, im Garten zu arbeiten oder Bücher zu lesen. Doch schon bald fühlte ich mich leer, frustriert und machte mir Sorgen, wie es mit dem Musikbetrieb weitergehen würde.

Also habe ich mich entschlossen, ein einmonatiges Pflegepraktikum in einem Krankenhaus zu machen. Ich wollte nicht warten, bis die Pandemie vorbei ist, sondern aktiv sein und helfen – habe aber das Cello sehr vermisst. Die Musik ist mein Weg, den Menschen zu helfen und ihnen geistige und seelische Nahrung zu geben, nach der wir derzeit ausgehungert sind in dieser langen Zeit ohne Kultur.

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Sie haben in einer Talkshow im November von einer „gesellschaftlichen Triage“ gesprochen und befürchtet, dass die Künstler in der Pandemie „geopfert“ werden.

Gromes: Der damalige Lockdown light hat uns wahnsinnig aufgeregt. Es war doch klar, dass es nichts bringen würde, wenn man Restaurants und Kultur schließt und alles andere offen lässt. Durch konsequentes Durchgreifen hätten wir schon im Dezember ganz andere Zahlen gehabt. Die Politik hat hier vieles verschlafen. Schon im Oktober wurden in Österreich und Spanien beispielsweise Schnelltests angewendet. Apropos: In Spanien finden übrigens seit Juni durchgehend Konzerte mit Publikum statt, Ministerpräsident Sanchez hat die Bedeutung der Kultur betont und erklärt, dass man nur mit ihr durch diese harte Zeit kommen könne.

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Auch mit den Lüftungsanlagen in Schulen war man in Deutschland zu spät dran. Das hatten Konzertbetriebe schon alles selbstständig gemacht, sie hatten Hygienekonzepte vorgelegt und ausgearbeitet. Doch die Politik hat genau diese Bereiche geschlossen.

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Das ärgert Sie immer noch…

Gromes: Ja, weil Kultur als gefährlicher Raum stigmatisiert wird. Wir brauchen einen anderen Ansatz und schnelle Öffnungsperspektiven.

Sie hatten dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil eine Liste mit Vorschlägen übergeben. Worum ging es?

Gromes: Es ging um Schnelltests vor Konzerten, um eine Begrenzung von Konzerten auf höchstens eine Stunde, kein Anstoßen im Foyer, sondern kontaktloses Agieren und halbvolle Konzertsäle. Es waren Ideen, die auf wissenschaftlichen Studien basierten und mit denen man langsam die Kultur wieder hochfahren könnte.

Gab es eine Reaktion darauf?

Gromes: Ja, es kam eine nette Mail von ihm. Es wurde eine Kulturkommission gegründet und die Liste soll in die Beratungen zu Öffnungsstrategien einbezogen werden. Das hat mich sehr gefreut.

Lassen Sie uns über die CD „Romantic Cello Concertos“ sprechen. Zum Einstieg gibt es ein Konzert von Julius Klengel. Was verbindet Sie mit Klengel, der zu seiner Zeit als Wundercellist gefeiert wurde?

Gromes: Klengel ist mir schon früh durch seine Etüden und Lehrwerke begegnet, er hat als Professor in Leipzig damals tausende von Cellisten ausgebildet und für sie Übungen geschrieben, die auch heute noch gang und gäbe sind. Aber er war nicht nur ein brillanter Virtuose, er war auch ein hervorragender Komponist. Beispielsweise hat er einen Hymnus für zwölf Cellisten komponiert, der mich schon immer begleitet hat. Ich habe mit 17 eine Tournee durch Südafrika gemacht, das war ein prägendes Erlebnis. Wir haben sowohl in gehobenen Zirkeln als auch in Slums gespielt. Der Hymnus hat dabei die Menschen egal welcher Schicht am meisten berührt. Er hat eine Melodie, die von Anfang bis Ende trägt. Klengels Musik trifft direkt ins Herz, er konnte wunderschöne, eingängige Melodien mit atemberaubender Virtuosität verbinden.

Auf Ihrer CD geht es um die deutsche Romantik.

Gromes: Genau, und um das Grundgefühl der Romantik: Sehnsucht, Melancholie, Einsamkeit und vor allem auch Poesie. Neben Klengels 3. Cellokonzert ist das berühmte Cellokonzert von Robert Schumann das zentrale Werk auf der CD – ein Kernstück des Cellorepertoires und eines meiner liebsten Stücke für Cello überhaupt. Als Brücke zwischen diesen beiden gewichtigen Werken habe ich mit dem RSB unter Leitung von Nicholas Carter die Romanze von Richard Strauss aufgenommen.

Man hat beim Hören das Gefühl, live dabei zu sein.

Gromes: Wir haben viel zusammenhängend eingespielt, so dass es für uns auch eine Art Livemitschnitt war. Daher hat die CD-Aufnahme die Frische eines Konzertmitschnitts.

Sie haben ein Faible dafür, weniger bekannte Stücke und Perlen der Musikgeschichte ins Rampenlicht zu rücken?

Gromes: Ich bin neugierig. Es hat mich immer fasziniert, in den Archiven zu suchen. Musikwissenschaftler haben viel Spannendes zu erzählen und ich höre zwischen den Zeilen, wenn es etwas Neues zu entdecken gibt.

Ich sehe es als meine Aufgabe, die Stücke, die es wert sind, gehört zu werden, auch wieder zu Gehör zu bringen.

Ihr aktuelles Album wurde in Frankreich mit dem „Diapason d’Or“ ausgezeichnet, die Strauss-CD ist für den BBC Chamber Music Award nominiert, im vergangenen Jahr erhielten Sie den „Opus Klassik“ in der Kategorie Kammermusik. Eine beeindruckende Leistung in so jungen Jahren.

Gromes: Zum 30. Geburtstag habe ich gedacht, es ist gar nicht so schlecht, was ich erreicht habe (lacht). Die Auszeichnungen und die tollen Kritiken haben mich sehr gefreut. Das macht in der Krise Mut.

Aber Sie würden liebend gerne auf der Bühne stehen….

Gromes: Natürlich, wir hoffen, dass bald wieder Konzerte stattfinden. Eines davon ist am 12. Juni beim Jubiläum „100 Jahre Mozartfest“ in der Stiftskirche Wertheim im Rahmen des Mozartsfests. Das ist eines der Konzerte, auf die ich mich besonders freue – zumal das Mozartfest Würzburg schon letztes Jahr wegen Corona ausgefallen ist. Ich hoffe sehr, dass es stattfinden kann.

Steht statt der Konzerte dann mehr Studioarbeit an?

Gromes: Ich habe tatsächlich das große Glück, dass ich jedes Jahr für Sony Classical eine CD aufnehmen darf.

Für die CD, die diesen Herbst erscheint, habe ich mit meinem Pianisten Julian Riem ein farbenreiches Programm zusammengestellt, das sich erst durch die Corona-Konzertpause in dieser Form herauskristallisieren konnte: Wir sind im Winter in die Welt der musikalischen Märchen eingetaucht und haben dort Hoffnung, Trost und viel positive Energie gefunden. So werden auf dem neuen Album Werke von Tschaikowski, Mendelssohn und Schumann und natürlich auch unbekannten Komponisten zu hören sein, wir freuen uns schon sehr darauf.

Können Sie der Pandemie dennoch etwas Positives abgewinnen?

Gromes: Corona ist eine Menschheitsaufgabe und eine Krise, die uns noch länger beschäftigen wird. Sie wird auch soziale und wirtschaftliche Folgen haben. Aber ich hatte auch die Möglichkeit, mich mit Themen zu beschäftigen, für die ich sonst keine Zeit hatte. Und ich habe mich selbst ganz anders kennengelernt, als ich vor diesen Abgründen stand und gemerkt habe, wie man hindurch gehen kann. Ich habe es geschafft, innere Ressourcen zu finden, die mir für mein weiteres Leben helfen werden.

Redaktion Hauptsächlich für die Lokalausgabe Tauberbischofsheim im Einsatz