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Theater - Israelischer Autor Nimrod Danishman kommt zur deutschen Erstaufführung seines Erstlingswerks „Grenzen“ nach Würzburg

Liebe hinter unüberwindbaren Barrieren

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Eine Szene aus dem Zwei-Personen-Stück „Grenzen“ mit (von links) Cedric von Borries als Boaz und Anselm Müllerschön als Georges. © Nik Schölzel, Mainfranken Theater

Mit dem Stück „Grenzen“ des israelischen Autors Nimrod Danishman bot das Mainfranken Theater Würzburg in der Ausweichspielstätte Z 87 auf dem Bürgerbräugelände ein anregendes Schauspiel über zwei homosexuelle junge Männer, die über eine Dating-App miteinander immer intensiver ins Gespräch kommen.

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Zur deutschsprachigen Erstaufführung von Danishmans Erstlingswerk, das von der Regisseurin Sigrid Herzog und der Dramaturgin Philine Bamberger aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wurde, war der Autor nach Würzburg gekommen.

Die Uraufführung von „Grenzen“ hatte 2018 in Tel Aviv stattgefunden. Im selben Jahr wurde das aus dem Hebräischen ins Englische übersetzte Stück in New York und in Finnland auf die Bühne gebracht.

Die besondere Herausforderung für die beiden Schauspieler Cedric von Borries in der Rolle von Boaz, einem Israeli, und Anselm Müllerschön als Libanese Georges bestand darin, auf einer fast leeren Bühne miteinander zu chatten, ohne sich dabei anzusehen, geschweige denn näherzukommen.

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Schlupfloch im Grenzzaun

Für ihre Inszenierung legten Sigrid Herzog und Bühnenbildnerin Isabelle Kittnar zwei unterschiedlich gefärbte Teppichrollen aus, die in der Mitte zusammentreffen, aber nur zur Hälfte ausgerollt sind.

Während Boaz auf einem gepolsterten Bürostuhl sitzt, muss sich Georges mit einem einfachen Holzschemel begnügen. Die Teppichrollen symbolisieren die für beide Männer unüberwindbare Grenze zwischen Israel und dem Libanon.

Die zunehmenden Spannungen und militärischen Konflikte, die schließlich zur Einberufung von Georges führen, machen ein geplantes Treffen der Männer in Berlin unmöglich. Einem Schlupfloch in dem vom Militär bewachten Grenzzaun hatte sich Georges schon sehr genähert. Doch dann verlässt ihn der Mut und er kehrt in sein Dorf zurück. Dies erzählt er später im Chat dem entgeisterten Boaz, der entsetzt ist, dass sich Georges aus Sehnsucht zu ihm in Lebensgefahr begeben hat.

Eigentlich hatten die Online-Gespräche nur ein Ziel: Einen Sex-Partner für eine schnelle Nummer zu finden. Schon bald stellen beide fest, dass sie nur 20 Kilometer voneinander entfernt wohnen, doch leider auf verschiedenen Seiten der Grenze.

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Dennoch beenden sie nicht ihre Chats, stattdessen wächst rasch das Interesse an dem Gesprächspartner und seinem Alltagsleben. Mit Emojis werden die Aussagen emotional verstärkt. Wie der Autor verriet, beruht sein Stück auf einer persönlichen Erfahrung beim Chatten mit einem Libanesen. Um die trennende Grenze überwinden zu können, entsteht der Plan, sich möglichst bald in Berlin zu treffen.

Unterschiedliche Charaktere

Mit großer Textsicherheit und ohne jeden Augenkontakt oder Gesten zum Gegenüber auf der anderen Seite „chatten“ Cedric von Borries und Anselm Müllerschön; beide schauen ins aufmerksame Publikum, dass ohne eigene Worte wie ein Medium zwischen den Männern wirkt. Selbst den kräftigen Schlussapplaus nehmen beide Schauspieler noch getrennt durch die Teppichrollen entgegen. Fast wirkt es so, als ob sie noch nicht aus ihrem intensiven Rollenspiel herausgefunden haben.

Ihre unterschiedlichen Charaktere werden im Verlaufe des immer intensiver geführten Gedankenaustauschs sehr deutlich. Das Auf und Ab der starken Gefühle füreinander versucht Boaz mit burschikosen Reaktionen zu überspielen, während Georges manchmal fast im Selbstmitleid zu versinken droht oder unsinnigen Aktionismus zeigt, wenn er sich etwa an das Loch im Grenzzaun begibt, um seiner Liebe näher zu sein. Nicht zuletzt die zeitgleich vorgeführten, unterschiedlichen Liegestützen zeigen die mentalen Unterschiede. Boaz bevorzugt dynamische Burpees, also Liegestütze mit Strecksprung, während Georges eher statisch wirkende einarmige Liegestütze vollführt.

Mental sind sie sich jedoch so nahe gekommen wie nie zuvor. Die geplante Reise nach Berlin, der Stadt, die für beide Ungebundenheit und Freiheit von Vorurteilen verkörpert wie keine andere Metropole, scheitert, als Boaz als Folge der Grenzkonflikte vom Militär einberufen wird. Georges hingegen zieht den Berlin-Trip durch und fühlt sich dort auch alleine gut aufgehoben.

„Grenzen“ präsentiert sich als gut inszeniertes Sprechtheater, das deutlich aufzeigt, wie zerbrechlich eine Beziehung sein kann, die, „online“ begonnen, ihre wahre Prüfung erst noch bestehen muss. Ob Boaz und Georges wirklich füreinander geschaffen sind, bleibt in der Schwebe. Nicht völlig abwegig erscheint, dass sich beide in die Gespräche mit dem Gegenüber verrannt haben, um sich nur narzisstisch in der Internet-Version des anderen zu spiegeln.

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