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13. Würth-Preis für Europäische Literatur - Jury zeichnete die französische Schriftstellerin Annie Ernaux aus

Klarer Blick auf die Gesellschaft

Von 
Werner Palmert
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Große Ehre: In ihren Ansprachen würdigten Professor Dr. Reinhold Würth (Fünfter von links), Professor Dr. Harald Unkelbach (rechts), die Vorsitzende der Europa-Union Baden-Württemberg, Evelyne Gebhardt (Zweite von links), Kultusministerin Theresa Schopper (Vierte von links) und die Botschafterin Frankreichs, Anne-Marie Descotes (Dritte von rechts), die französische Schriftstellerin Annie Ernaux (Vierte von rechts). Die Laudatio auf die neue Preisträgerin hielt der Literaturkritiker und Jurymitglied Dennis Scheck (links). © Werner Palmert

Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux wurde am Dienstagabend in einer Festveranstaltung im Konzertsaal des Carmen Würth Forums in Künzelsau mit dem 13. Würth-Preis für Europäische Literatur geehrt. Die 81-jährige Schriftstellerin erhielt die Auszeichnung der Stiftung Würth „für die Unerschrockenheit, mit der sie ihre Erfahrung in ihrer Autofiktion protokolliert, und für die Klarheit ihres Blickes auf Gesellschaft und kollektives Gedächtnis“, wie Literaturkritiker und Jurymitglied Dennis Scheck in seiner Laudatio die Auszeichnung begründete.

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Autobiografischer Ansatz

„Annie Ernaux schreibt autobiografisch, der Kern des Erlebens ist das Eigene, aber immer als Beispiel für soziale und zeitgeschichtliche Bedingungen“, so Scheck weiter. Die literarische Form, die sie dafür finde, habe das autobiografische Schreiben von Schriftstellerinnen und Schriftstellern in Europa und der Welt erneuert.

Der Würth-Preis für europäische Literatur, den die Stiftung Würth seit 1998 alle zwei Jahre an Persönlichkeiten verleiht, die im Schnittpunkt unterschiedlicher Kulturen arbeiten, die sich mit europäischen Kulturtraditionen auseinandersetzen oder sich Problemen widmen, die ihrem Land erst durch europäische Einflüsse entstanden sind, ist mit 25 000 Euro dotiert.

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Annie Ernaux, geboren 1940, bezeichnet sich als „Ethnologin ihrer selbst“. Als eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit wurde sie jüngst für den Nobelpreis für Literatur gehandelt. Was bedeuten und wie manifestieren sich bis heute in Europa bestehende, unsichtbare Klassenschranken? Um welchen Preis lassen sie sich überwinden? Wo zeigt sich der Staat nackt, wo greift er mit Gewalt ins Leben seiner Bürgerinnen und Bürger und macht sie zu Untertanen? Welche Erfahrung macht eine Frau, die sich nicht mit ihrem von der Gesellschaft zugedachten Platz zufriedengibt? Wie beschreibt man diese Erfahrungen, ohne zu moralisieren? Von diesen Fragen handelt Annie Ernauxs Gesamtwerk.

Ohnmacht und Angst

„Sie will aus dem Abdruck, den die Welt in ihr und ihren Zeitgenossen hinterlassen hat, eine gesellschaftliche Zeit rekonstruieren“, sagt die Erzählerin Annie Ernaux über sich selbst in dem Buch „Die Jahre“, das von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert wurde.

Zuletzt erschien 2021 auf Deutsch ihr eindringlicher Roman „Das Ereignis“, in dem sie beschreibt, wie die Studentin Annie Ernaux 1963 schwanger wird und in einer Zeit und einem Land, in dem Abtreibung verboten ist, versucht, das in ihr heranwachsende Kind nicht zu bekommen. „Die Erfahrung von Entmündigung, Ohnmacht und Angst, die Ernaux’ Text widerspiegelt, ist zeitlos gültig“, urteilte die Jury. Audrey Diwans Verfilmung des Werks gewann beim Filmfestival in Venedig 2021 den Goldenen Löwen.

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In ihren Ansprachen hoben der Vorsitzende des Aufsichtsrates der Stiftung Würth, und bekennende Europäer, Professor Dr. Reinhold Würth, Professor Dr. Harald Unkelbach als Vorsitzender des Stiftungsvorstandes, die Vorsitzende der Europa-Union in Baden-Württemberg, Evelyne Gebhardt, die baden-württembergische Kultusministerin Theresa Schopper und auch die Botschafterin der Französischen Republik, Anne-Marie Descotes, die große Bedeutung der Kultur in der Europäischen Union hervor. Sie brachten aber auch ihre großen Sorgen im Hinblick auf die kriegerische Auseinandersetzung in der Ukraine zum Ausdruck.

Gerade der Literatur komme beim Zusammenwachsen Europas eine ganz besondere Bedeutung zu, denn sie lebe vom gegenseitigen Austausch der Kulturen untereinander und sie müsse international bleiben.

Der Würth-Preis für Europäische Literatur wird alle zwei Jahre vergeben. Der Jury unter Vorsitz von C. Sylvia Weber, Geschäftsbereichsleiterin Kunst und Kultur der Würth-Gruppe und Aufsichtsrätin der Stiftung Würth, gehören an: Prof. Dr. Lothar Müller, Prof. Dr. Dr. h.c. Ulrich Raulff, Denis Scheck, Marie Schmidt, Prof. Dr. Jürgen Wertheimer und der Preisträger des Würth-Preises 2020, David Grossman.

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