Holten hat keine Lust auf Tricks, um Zahlen zu erreichen

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Stefan M. Dettlinger
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An einem der schönsten Arbeitsplätze Mannheims: Johan Holten – gut gelaunt im frisch gestylten Büro. © Dettlinger

Rund 150 Tage ist er jetzt im Amt, und Johan Holten, 43 und seit September 2019 Direktor der Kunsthalle Mannheim, hat auch schon ein paar Spuren hinterlassen - und das bezieht sich nicht nur auf das Inventar in seinem schicken Büro. Im Frühjahr zeigt er auch schon die erste selbst kuratierte Ausstellung. In „Umbruch“ geht es vor allem auch um Frauen - aus der Vergangenheit und aus der Gegenwart. Im Interview erklärt er auch, wohin er mit dem Haus am Friedrichplatz will.

Johan Holten

  • Der Tänzer: Johan Holten kam 1976 in Kopenhagen zur Welt und war Tänzer im Ensemble von Tanzlegende John Neumeier, Bühnenbildner und Künstler, ehe er Kunstgeschichte und Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin studierte.
  • Der Kunstmann: 2006 wurde der damalige 30-Jährige Direktor des Kunstvereins Heidelberg, den die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine 2009 zum besten Kunstverein Deutschlands wählte. Holten wechselte 2011 zur Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, die er mit viel beachteten Ausstellungen bespielte. Am 9. April 2019 entschied der Gemeinderat, dass Holten Nachfolger von Ulrike Lorenz an der Spitze der Kunsthalle Mannheim wird. Holten lebt seit 2006 in der Region und hat zwei schulpflichtige Kinder.
  • Kommende Ausstellungen: Drucken ohne Farbe (24.1. bis 24.5.). Biennale für aktuelle Fotografie - Walker Evans Revisited (29.2. bis 26.4.). Umbruch (15.5. bis 6.9.). Barbara Hindahl (26.6. bis 18.10.). Anselm Kiefer (2.10. bis 21.3.2021).
  • Info: kuma.art
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Herr Holten, rund 150 Tage sind seit Ihrem Start vorbei. Sie waren sehr enthusiastisch. Was hat der Abgleich mit der Realität bei Ihnen bewirkt? Gibt es Dinge, die Sie schon heute anders sehen?

Johan Holten: Als ich an Weihnachten in den Urlaub fuhr, dachte ich mir: Der Herbst ist wirklich gut gelaufen. Ich habe keine Leichen im Keller entdeckt und auch auf Schränken nicht. Der Zustand des Hauses war nicht unproblematisch, aber dennoch gut bestellt. Ich war schon erschöpft, weil ich jeden Tag mit einer neuen Situation konfrontiert war, aber ich habe keine grauen Haare bekommen. Also der Enthusiasmus ist so groß wie am Anfang und hält auch für die nächsten 150 Tage an.

Ihr erklärtes Ziel war ja, die Welt an den Friedrichsplatz zu holen. Mit „Inspiration Matisse“ ist das ja schon einmal ganz gut gelungen? Wie viele Besucher haben sich die Ausstellung angesehen?

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Holten: Wir haben zwei nicht ganz parallel laufende Besucherauswertungen, die erst in Übereinstimmung gebracht werden müssen. Wir waren vor allem gegen Ende an der Kapazitätsgrenze. Was ich sagen kann ist, dass wir die 100 000er-Marke überschritten haben. Unsere Erwartungen sind erfüllt. Aber konkrete Zahlen kann ich noch nicht nennen.

Planen Sie schon einen Nachfolger von diesem Format mit ein bisschen Massenpotenzial?

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Holten: Das ist unsere große Aufgabe für die Zukunft. Für 2021 sind wir dabei, ein hochattraktives Programm zusammenzustellen. Der Fokus wird hier aber nicht auf einer Blockbuster-Ausstellung liegen, sondern auf der Frage, wie wir über das gesamte Jahr mit ganz verschiedenen Ausstellungen viele Menschen erreichen können. Dann hoffen wir, dass wir genauso viele Besucher mit unserem Programm erreichen. Ob das gelingt, kann ich Ihnen in zwei Jahren sagen.

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Matisse war ja keine monografische schau im klassischen Sinne. Es ging um die Schule. Planen Sie etwas mit einem Malerstar im Zentrum?

Holten: Ja, da werden wir schon etwas machen, auch wieder im Bereich der Klassischen Moderne. Aber spruchreif ist das noch nicht.

Ulrike Lorenz' erklärtes Ziel war es, 2019 mit dem Schwung des Neubaus 200 000 Besucher in die Kunsthalle zu holen. Ist das gelungen?

Holten: Wir haben das ziemlich genau erreicht, wobei ich eine exakte Zahl auch hier noch nicht nennen kann. Wir sind da noch in der Analyse. Das ist ziemlich komplex, weil wir ja mit externen Partnern wie Schulen und auch der Abendakademie zusammenarbeiten. Aber die Gesamtzahl ist nur das eine. Es ist viel interessanter zu sehen, wie viele Besucher die einzelnen Ausstellungen gesehen haben, auch im Mehrjahresvergleich. Das ist dann auch aussagekräftiger.

Ihnen ist also der Weg, mit einer Schau 100 000 Menschen und damit die Hälfte des Jahres zu erreichen, zu einfach?

Holten: Leicht ist es das auch nicht. Aber wir wollen mehr Konstanz über das Jahr, dass die Leute in jeder Jahreszeit zu uns kommen. Natürlich wird das nicht günstiger dadurch. Aber weg wollen wir schon vom Fokus auf eine große Schau im Jahr. Wir wollen mehr.

Lorenz war gewissermaßen Spezialistin der Klassischen Moderne. Bei Ihnen liegen die Dinge etwas anders. Wie trägt sich der Konflikt in Ihrem Inneren aus zwischen ihren Herzenssachen, gesellschaftliche Themen zu setzen, und dem öffentlichen Auftrag, ein Museum für alle zu sein und demnach auch eine gewisse Massenrelevanz herzustellen?

Holten: Keine Sorge, das ist nichts, was mir schlaflose Nächte beschert. Ich habe auf beides Lust. Es muss in einem Haus wie der Kunsthalle beides geben, und dafür stehe ich ein. Vielleicht ist es so, dass mich auch an der Klassischen Moderne weniger das Monografische interessiert, sondern vielmehr: Wie können wir auch mit dem Blick in die Vergangenheit auch kulturhistorische oder andere gesellschaftliche Debatten anregen? Statt nur zu gucken, wo der künstlerische Wert liegt. Das ist kein Konflikt, sondern verknüpfbar, und ich werde da kuratorisch sicherlich auf Fremdhilfe zurückgreifen, denn es gibt da Menschen, die das besser können.

Aber grundsätzlich ist es doch etwas anderes: „Inspiration Matisse“ mit dem Blick auf eine Malerschule war eine ästhetische Annäherung. Bei Ihnen wäre die schau jedenfalls anders geworden.

Holten: Das will ich hoffen, denn das wäre schade, wenn alle Kuratoren dieselben Ideen hätten. Man will ja auch mit seiner Arbeit prägen. Aber ich finde es eben sehr spannend, mit „klassischen“ Ausstellungsthemen soziale Fragestellungen zu diskutieren.

Ihre Herzenssache ist hingegen sicherlich „Umbruch“. Hierfür holen Sie drei lebende Künstlerinnen nach Mannheim. Was genau ist das Ziel dieser Schau?

Holten: Das geht in zwei Richtungen. Der eine Blick ist stark nach vorn gerichtet. Ich will gleich eine Prägung für die Sammlung setzen mit der ersten Ausstellung, die ich in Mannheim mache. Drei neue Positionen werden für uns geschaffen, von diesen drei Künstlerinnen von drei verschiedenen Kontinenten. Es sieht so aus, dass wir die Arbeiten auch ankaufen können. Ich sehe das als eine Fortschreibung der Sammlung in der heutigen globalen Welt. Der Blick zurück fällt auf die 1920er Jahre, wo wir auf Künstlerinnen der Neuen Sachlichkeit blicken. Da gibt es viel im Depot, was nie oder jahrelang nicht gezeigt wurde. Die Heidelbergerin Hanna Nagel ist noch dazu gekommen. Wir wollen aber nicht kritisieren, dass diese Künstlerinnen etwa in der Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ 1925 nicht gezeigt wurden; die Schau war damals mutig genug. Aber heute blicken wir mit einer anderen Perspektive darauf. Es geht bei „Umbruch“ also nicht um die großen Namen auf dem Plakat, der eine Art Kassenschlagermodus als Konzept verrät. Das kommt dann im Herbst mit Anselm Kiefer.

Kiefer ist ja auch sperrig und nicht unbedingt Everybodys Darling…

Holten: Sicher nicht. Der ist sogar umstritten. Aber es ist ein großer Name in der Szene.

Erwarten Sie da einen Ansturm?

Holten: Wir glauben schon, dass der Name zieht und sehen das auch schon jetzt im Interesse an Gruppenbuchungen. Das ist mit Klassischer Moderne nicht zu vergleichen, das schaffen Sie mit Zeitgenossen nicht…

… vielleicht mit Gerhard Richter?

Holten: 100 000 schafft auch Richter nicht. Es ist schon eine Herausforderung, die Sammlung Grothe, die ja ein Haus hat, hier zu präsentieren. Wir brauchen dafür erstmals auch die Großzügigkeit der Räume im Erdgeschoss, wo wir sämtliche Zwischenwände herausnehmen werden. Kiefers große Werke brauchen viel Platz. Also wir sind uns sicher, auf ein breites Interesse zu stoßen.

Sie haben vorhin von den drei Ankäufen gesprochen, die ja seit Jeff Wall wahrscheinlich die ersten nennenswerten sind. Der Etat der Kunsthalle für Ankäufe ist berüchtigt klein. Woher nehmen Sie das Geld?

Holten: Einerseits unterstützt uns der Freundeskreis. Er hat sich der Förderung des Hauses auch verschrieben und wird hoffentlich einen der Ankäufe stemmen können, und dann gibt es Gott sei Dank auch Stiftungen und Förderer, die uns wohlgesonnen sind. Da nutze ich auch ein bisschen den Anfängerbonus aus, den ich habe.

Haben Sie Namen?

Holten: Das will ich nicht, bevor nicht alles in trockenen Tüchern ist. Und dann werden wir Jeff Walls „Approach“ im Februar während der Biennale für aktuelle Fotografie wieder zeigen - an der prominentesten Stelle, dort, wo der Manet hängt, den wir für ein paar Monate ins Depot verfrachten, bevor er in neuem Glanz wieder kommt.

Er wird restauriert?

Holten: Ja, der Zustand wird überprüft, aber es wird keine größeren Eingriffe geben.

Was muss sich finanziell für den Ankaufetat ändern, damit sie mit der Kunst mehr Möglichkeiten haben?

Holten: Wünschenswert wäre das, ja. Seit vielen Jahren wurde da nichts getan, was einer Absenkung des Etats gleichkommt. Aber wir haben gerade andere Sorgen, denn das Gebäude kostet mehr als erwartet. Facility Management, Gebäudekosten und Betriebskosten - hier müssen wir erst einmal die finanziellen Hürden nehmen. Da gab es einige Überraschungen. Momentan sind wir froh, dass die Stadt bei den Betriebskosten so weit mitzieht. Wir können ja nicht an allen Fronten fordern. Und zum Glück ist die Unterstützung durch die Bürger groß, so die Lage zwar weiterhin angespannt, aber auch nicht mehr als das ist.

Von welchen Überraschungen sprechen Sie konkret?

Holten: Allein die Heiz- und Kühlkosten sind höher. Es ist eben sehr viel Luft. Auch die Wartung ist leider teurer als gedacht. Das hängt teils auch mit den vielen Besuchern zusammen. Das Haus muss ja in Schuss gehalten und mit Service versehen werden. Nachjustierungen am Bau müssen auch vorgenommen werden. Das summiert sich schon zu großen Summen, und die gehen vom eigentlichen Zweck des Gebäudes ab, nämlich vom Etat für Ausstellungen und der Sammlungserweiterung ab. Aber es sind eben auch Beträge, bei denen man sich nicht fragen kann: Machen wir das oder nicht. Die sind einfach da!

Sprechen wir über das Kommende: Welche quantitativen und qualitativen Ziele verfolgen Sie insgesamt mit der Kunsthalle, und wie können Sie sie evaluieren?

Holten: Ich bin nicht so sehr auf die quantitativen Ziele und ihre Messung fixiert. Das Haus muss auf Dauer gut leben und eingebettet sein in die Gesellschaft, und das drückt sich nicht nur in Zahlen aus.

Ich denke, im Gemeinderat sitzen Menschen, die sich dafür interessieren…

Holten: … genau, aber ich werde dennoch versuchen, die Leute davon zu überzeugen, dass es um das hochattraktive Programm und nicht um Zahlen geht. Ich will, dass die Kunsthalle auch wirklich etwas bedeutet. Ich habe keine Lust, hier und da nur Tricks anzuwenden, um die Besucherzahlen nach oben zu schrauben und dann zu glauben, ich habe meine Ziele erfüllt. So bringt man das Haus nicht zum Leben. Ich will, dass wir eine Balance hinkriegen zwischen dem, was das Haus mitarbeitertechnisch leisten kann - denn wir können das Museum in Bewegung auch nicht alle drei Monate vollkommen umkrempeln - und dem, dass wir eben doch ständig etwas Neues zeigen. Wir müssen die Energie aus den ersten eineinhalb Jahren aufrechterhalten. Ich habe am Anfang alle meine Wünsche notiert für Neuanbringungen und Ausstellungen, jetzt sehe ich: Hier und da muss man ein wenig abspecken und realistischer werden. Wir haben digital viel erreicht und gerade eine große neue Bundesförderung erhalten, aber wir können dort jetzt nicht stehen bleiben. Das muss weitergehen. Das alles so in Einklang zu bringen, dass wir einen kontinuierlicheren Publikumssog erzeugen, Gespräche in der Stadt und der Region anregen - da müssen wir hinkommen. Die Leute müssen denken: Da ist eigentlich immer etwas los. Das ist der wahre Kern.

Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „MM“ seit 2006.

Thema : Kunsthalle Mannheim

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