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Sommerhäuser Torturmtheater

Großes Plädoyer für Welt der Toleranz

Zwei-Personen-Stück „Und das Wort war Gott“ hinterlässt nachhaltigen Eindruck

Von 
Manfred Kunz
Lesedauer: 
Maria Gruber als Frieda und Bruno-Mirko als Victor in dem Zwei-Personen-Stück „Und das Wort war Gott“ im Torturmtheater in Sommerhausen. © Angelika Relin

Den Namen Kit Redstone sollte man sich merken. Der britische Theaterautor, Jahrgang 1981, hat auf der Insel für seine Stücke schon einige Preise eingeheimst. Jetzt macht ihn das Sommerhäuser Torturmtheater mit der Deutschsprachigen Erstaufführung seines Zwei-Personen-Stückes „Und das Wort war Gott“ endlich auch hierzulande bekannt.

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Denn Redstone ist nicht nur ein brillanter Schreiber kurzweiliger und geistreicher Dialoge, sondern auch ein Theatermacher, der weiß, wie man sein Publikum einfangen und wohin man es mit kleinen Tricks führen kann.

Dabei beginnt das 70-Minuten-Stück mit einer Alltagsbegebenheit, die wir alle zur Genüge kennen: Wir wollen ein Vertragsdetail unseres Handy-Vertrages ändern – und hängen fest in der Warteschleife des Telefonanbieters. Endlich haben wir Jane/ Mary/Lucy in der Leitung, und kommen doch nicht weiter. So wie Victor, der bei Vertragsabschluss noch Victoria hieß und „nur“ seine neue Adresse durchgeben will. Doch so etwas sieht das System nicht vor. Auch wenn Frieda, Victors Gegenüber am anderen Ende der Leitung, durchaus professionelle Problemlösungskompetenz und sogar emphatische Hilfsbereitschaft zeigt.

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Das System hat den Account jetzt vollständig gesperrt, nichts geht mehr – eine im wahrsten Sinn des Wortes „kafkaeske“ Situation; um diese Sperre wieder aufzuheben müsste Frieda ihren „Ermessensspielraum“ nutzen und die nächste Ebene einschalten, doch dazu muss sie erst einmal den „Sachverhalt“ verstehen. Denn in ihrer strenggläubigen christlichen Lebenswelt gibt es so etwas wie Geschlechtsumwandlung nicht.

An diesem Punkt springt das Telefonat (und das Stück) auf eine andere Ebene. Aus dem rechthaberischen Beharren auf der Richtigkeit der eigenen Position, wird bei beiden ein immer konkreteres und genaueres Nachfragen nach den Lebensumständen des Anderen. Das Gespräch wird persönlicher, vertrauter, auch intimer, wenn sie sich ihre jeweils ersten Liebesgeschichten erzählen. Und auch heikler, wenn Victor erklären soll, warum er sich als Victoria immer gewünscht hat, ein Mann zu sein, und was denn daran so toll sei. Und plötzlich sind wir Zuschauer mittendrin in dem gesellschaftlichen Diskursfeld, das gemeinhin mit dem Begriff der Gender-Debatte, genauer: des transgender-Themas (ein kleines Glossar im Programmheft erläutert kundig die dafür nötigen Begrifflichkeiten) beschrieben wird.

Fragen auf den Grund gehen

Dabei erleben wir lediglich zwei Menschen, beide aus gänzlich verschiedenen Gründen Außenseiter, die auf der Suche nach ihrem individuellen Platz in der Gesellschaft sind. Dabei treffen durchaus extreme Positionen aufeinander. Hier die vermeintlich naive, etwas weltferne Christin, da der coole, vermeintlich reife transgender Mann.

Maria Gruber (als Frieda) und Bruno-Mirko Markov (als Victor) sind die ideale Besetzung für diese Außenseiter wider Willen. Sie zeigen ihre Figuren als gebildete, kluge, eloquente, diskussionsfreudige, lebensfrohe und lebenshungrige junge Leute, die den Fragen nach Moral und einem guten zwischenmenschlichen Umgang nicht aus dem Weg, sondern auf den Grund gehen wollen.

Der TTT-erfahrene Regisseur Oliver Zimmer hat seine eigene Übersetzung des kurzweiligen Dialogs lebendig und flott inszeniert; Angelika Relins aus zwei im Wechsel gegeneinander gestellten Stuhlreihen bestehendes Szenarium setzt den Stückfortgang optisch um: die trennenden Gegensätze lösen sich allmählich auf und gehen in ein kunterbuntes Nebeneinander individueller Einzelstühle über. Ein großartiges Plädoyer für eine Welt der Toleranz gegenüber individuellen Lebensentwürfen und ein absolut sehenswertes Stück, das einmal mehr die Fahrt vom Tauber- ins Maintal lohnt.

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