Das Interview - Fritjof von Gagern spricht über eine Corona-Studie, die den Musikern Hoffnung macht, bald wieder spielen zu dürfen „Die Studie hat heftig für Furore gesorgt“

Von 
Stefan M. Dettlinger
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Mannheim. Laut einer Untersuchung des Fraunhofer Friedrich-Hertz-Instituts im Konzerthaus Dortmund ist der Besuch klassischer Konzerte während der Corona-Pandemie in modernen Sälen und sogenannter Schachbrettmuster-Sitzordnung absolut unbedenklich. Die Größe des Raums, die Belüftungstechnik sowie das Tragen von Masken schließen eine Infektion aus, so das Ergebnis der wissenschaftlichen Studie, von der sich nun auch die Mannheimer Musikalische Akademie Konsequenzen erhofft …

Vorsitzender der Musikalischen Akademie: der Solocellist des Nationaltheaterorchester, Fritjof von Gagern. © Dettlinger
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Herr von Gagern, Sie spielen ja nie. Was tun Sie den lieben langen Tag?

Vorsitzender der Akademie

Der Cellist: Am 24. August 1986 geboren, ist Fritjof von Gagern seit 2011 Koordinierter 1. Solocellist des Nationaltheaterorchesters. Er studierte Cello an der Hochschule für Musik Karlsruhe bei Martin Ostertag. Seit Januar 2020 ist er Erster Vorsitzender der Musikalischen Akademie des Nationaltheaters Mannheim. Er löste den Hornisten Ulrich Grau ab.

Die Akademie: Die in der Musikalischen Akademie organisierten Mitglieder des Nationaltheater-Orchesters Mannheim sind Veranstalter einer der ältesten Konzertreihen in Deutschland. Die Struktur der Akademie und die programmatische sowie finanzielle Eigenständigkeit sind einzigartig. Da sich das Orchester in seiner Konzertreihe mit acht mal zwei Konzerten selbst finanziert, ist es durch Corona nun in einer finanziellen Schieflage. dms

Fritjof von Gagern: Also, ich versuche jetzt mal einen typischen Tag zu skizzieren: Am Vormittag jagt eine Zoom-Konferenz die nächste, mittags steht dann im besten Fall ein halbwegs durchführbarer „Corona-Alternativplan“. Nachmittags springt dann einer der wichtigsten Akteure ab – Quarantänezeit, geänderte Ausreisebestimmungen, was auch immer. Es folgen wieder drei Zoom-Konferenzen, man kreiert einen neuen Plan. Am Abend der bange Blick auf die Infektionszahlen und in den Nachrichten die Andeutung, dass sich die Lockdown-Regeln im nächsten Monat erneut ändern könnten – und so beginnt man am nächsten Morgen wieder von vorn. Ein bisschen wie im Märchen mit dem Hasen und dem Igel …

Aber Sie sind Musiker! Was tun Sie in so viel Videokonferenzen?

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Von Gagern: Wir versuchen, alternative Konzertformate zu entwickeln und so auf die Krise zu reagieren. Das Zweite und Dritte Konzert konnten verschoben werden. Für das jetzt anstehende Vierte klappt das nicht mehr, die Saison ist ausgebucht – wir können ja nicht im Sommer alle zwei Wochen konzertieren. Dafür zeichnet sich eine Streaming-Variante ab – und die wird radikal hinsichtlich Intimität und Pandemietauglichkeit. Und das bedeutet, wir brauchen ein Filmteam, einen Tonmeister, einen aufnahmegeeigneten Ort, die Agenturen müssen mitspielen, neue Verträge mit den Verlagen und auch Fördergelder, um das Vorhaben finanzieren zu können. Zum Glück funktioniert die Zusammenarbeit mit unseren beiden Hauptpartnern, NTM und Rosengarten, ganz wunderbar – wir sitzen irgendwie alle im selben Boot, das schweißt zusammen!

Das alles könnten Sie sich sparen, wenn die Politik auf eine Studie des Fraunhofer Heinrich-Hertz-Instituts hören würde, deren zufolge der „normale“ Konzertbetrieb mit Maske quasi ohne Ansteckungsgefahr ist. Glauben Sie das?

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Von Gagern: Die neue Studie macht unglaublich Mut! Ich bin kein Wissenschaftler, aber für den interessierten Laien klingen die Autoren – das Fraunhofer Institut und das Bundesumweltamt – absolut seriös. Ich hoffe inständig, dass die Erkenntnisse schnell in die politische Entscheidungsfindung einfließen.

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Wie konkret sind Ihre Erwartungen diesbezüglich?

Von Gagern: Das Virus hat sich als harter Gegner erwiesen und Erwartungen sind längst einer zähen Demut gewichen … Aber um konkret zu werden: Für Februar rechne ich nicht mit Konzerten vor Publikum, auch nicht mit Maske und „Schachbrettmuster“. Erste dahingehende Versuche würden jedoch in jedem Fall für Frühlingsgefühle sorgen – vielleicht würde das zu Ostern passen?

Nun scheint die Corona-Mutation B.1.1.7 den Damen und Herren Volksvertreter mächtig Angst zu machen. Die Bundeskanzlerin hat zuletzt vor einer Verzehnfachung der Inzidenzen bis Ostern gesprochen – sind Sie dennoch Optimist?

Von Gagern: Ja, immer.

Aber Sie rechnen trotzdem damit, dass die Studie Folgen haben wird?

Von Gagern: Doch, auf jeden Fall! In der Klassikwelt hat die Studie heftig für Furore gesorgt. Aber die gewissenhafte Prüfung durch die Fachwelt und eine sinnvolle politische Umsetzung brauchen Zeit. Das gilt auch für das Wiederaufnehmen des Konzertbetriebes, wir brauchen jetzt vor allem die Perspektive.

Vor der Zukunft noch ein Blick zurück. Vor dem Hintergrund der Studie blicken Sie doch sicherlich nicht gerade friedlich auf das verkorkste Jahr 2020, oder?

Von Gagern: Ha, da muss ich spontan an Jens Spahn und seinen vielzitierten Spruch vom „einander verzeihen“ denken. Wir haben es alle nicht besser gewusst, einen Vorwurf möchte ich da niemandem machen. Andererseits ist „verkorkst“ noch ein ganz schöner Euphemismus …

Wie würden Sie es nennen?

Von Gagern: Verrate ich nicht.

Neulich wurde im Gemeinderat davon gesprochen, dass die Existenz der Musikalischen Akademie bedroht sei. Was ist seitdem passiert – ich meine: finanziell?

Von Gagern: In der Vorstellung im Kulturausschuss haben wir sehr offen die – der Pandemie geschuldete – finanziell desolate Situation unseres Vereines geschildert. Zum Glück ist unser Rückhalt nicht nur in der Mannheimer Bevölkerung sehr groß, sondern auch in der Kommunalpolitik; das ist in allen Gesprächen ganz deutlich zu spüren. Ein großes Problem ist, dass uns die sogenannte Novemberhilfe, ein Bundesprogramm, auf das wir durch sehr hilfreiche Rückmeldungen des Kulturausschusses aufmerksam wurden, noch nicht beschieden ist. Kommunale Hilfe wäre dann nachgeordnet zu betrachten. Wir müssen uns also weiterhin gedulden und hoffen, dass wir das irgendwie durchhalten.

Was passiert, falls Sie zahlungsunfähig werden?

Von Gagern: Dann droht die Insolvenz unseres Vereines, soweit wird es jedoch hoffentlich nicht kommen. Aber ich muss sagen, es gibt komfortablere Ausgangslagen, um ein kostenintensives Streamingkonzert zu organisieren! Da ändert auch die angedachte „Paywall“ wenig dran.

Das ist neu, dass Sie nicht kostenfrei Streamen. Welche Erfahrungen haben andere Orchester damit? Die Berliner Philharmoniker machen das doch schon seit vielen Jahren per digitaler Concerthall …

Von Gagern: (lacht) Ich glaube, die haben ein etwas anderes Budget. Ob das kostendeckend ist – keine Ahnung, ich kann es mir nicht vorstellen. Für uns ist es jedenfalls totales Neuland und natürlich bleibt das Live-Erlebnis unersetzbar. Ich bin gespannt, wie nah wir dem mit diesem Konzept dann kommen. Unsere Abonnentinnen und Abonnenten werden voraussichtlich ein Passwort anstelle einer Eintrittskarte bekommen – und wer technische Probleme hat, bekommt im Nachhinein eine DVD per Post. Mir war es jedenfalls sehr wichtig, nicht in die Gratis-Schiene zu geraten. Musik muss sich ihren Wert bewahren – gerade in der digitalen Welt.

Es ging mir nicht um Finanzen, sondern um die Frage, wie das Angebot wahrgenommen wird.

Von Gagern: Unser Publikum ist in der Krise schon so viele neue Wege mitgegangen – auch hier bleibe ich Optimist!

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Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „Mannheimer Morgen“ seit 2006. Er schreibt dort in erster Linie über Musiktheater und Klassik, aber auch über andere kulturelle Thematiken. Im Zentrum seines Interesses stehen vor allem auch die politische und kulturpolitische Berichterstattung. Davor, seit 2000, war Dettlinger Musikredakteur in der Kulturredaktion des „Südkurier“ in Konstanz. Dettlinger ist von Haus aus Musiker. Er studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin am musikwissenschaftlichen Institut bei Hermann Danuser und Wolfgang Auhagen sowie dank eines Jahresstipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Paris bei Michel Béroff Klavier. Den Beginn des Studiums absolvierte er mit dem Musiklehrer-Diplom an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, wo er Klavier, Musiktheorie, Gehörbildung und Komposition in den Hauptfächern sowie Gesang im Nebenfach studierte. Dettlinger stammt aus Stuttgart, wo er Abitur machte und die ersten 27 Jahre seines Lebens verbrachte. Im Herbst 2016 veröffentlichte er im Wellhöfer-Verlag seinen ersten Roman "Linds letzte Laune", der in der Medienwelt spielt.