Geburtstag - Anselm Kiefer wird am Sonntag 75 Jahre alt / Kunsthalle widmet ihm im Oktober eine große Ausstellung Die Dialektik der Malerei

Von 
Manfred Loimeier
Lesedauer: 
Vor fünf Jahren in Baden-Baden: Anselm Kiefer in seiner Ausstellung im Museum Frieder Burda. © Rolf Haid/dpa

„Ich hoffe auf mein richtiges Werk“, sagte Anselm Kiefer vor vier Jahren. Damals, 2016, war in der Albertina Wien eine Retrospektive seines künstlerischen Schaffens zu sehen, und Kiefer zog aus diesem Rückblick die Hoffnung auf ein kulminierendes, noch entstehendes Spätwerk. 2016 war ein erfolgreiches Jahr für den Maler und plastischen Gestalter, der am Sonntag 75 Jahre alt wird. Denn 2016 zeigte zudem die Londoner Galerie White Cube Kiefers Ausstellung „Walhalla“. Sie führte in sieben Räumen vor Augen, warum Kiefers Hoffnung unerfüllt bleiben und er noch lange auf sein „richtiges Werk“ wird warten müssen.

Friedenspreisträger 2008

  • Geboren am 8. März 1945 in Donaueschingen
  • Kunststudium in Düsseldorf bei Joseph Beuys
  • 1980 mit Georg Baselitz im Deutschen Pavillon der Biennale von Venedig
  • Bis 1992 Atelier in Buchen
  • 1992 bis 2007 Atelier bei Barjac in Südfrankreich
  • Seit 2007 wohnhaft in Paris, „Sternenfall“-Ausstellung im Grand Palais
  • 2008 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, kleine Werkschau im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum Schloss Gottorf bei Schleswig
  • 2009 Bühnenbild und Regie zu „Au commencement“ in der Bastille-Oper Paris
  • 2011 Werkschau in Baden-Baden und im Museum Tel Aviv
  • 2015 Retrospektive in der Royal Academy of Arts in London
  • 2016 Gemälde in der Galerie White Cube in London, Retrospektive in der Albertina Wien, Gesamtschau im Centre Pompidou und der französischen Nationalbibliothek Paris. 
AdUnit urban-intext1

Denn schließlich liegt Kiefers Arbeit ein dialektisches Prinzip zugrunde, das auf Weiterentwicklung und eben nicht auf ein Finale angelegt ist. Seit jeher arbeitet der Künstler mit Gegensätzen, und genau diese Gegensatzpaare lassen sich mit den Begriffen Leichtigkeit gegen Schwere, Lebendigkeit gegen Starre, Helligkeit gegen Düsternis, Erschaffen gegen Vergehen, Errichten gegen Zerstören umschreiben. Und immer endet es damit, dass die Natur jedes Menschenwerk überwuchert.

Kein Wunder also, dass Kiefers Arbeiten auch eine Atmosphäre des Todes anhaftet. Und zwar nicht nur in seinen erdigen Gemälden von deutscher Nazi-Vergangenheit, sondern eben auch in der „Walhalla“, wo bei Kiefer statt heroischer Siegerbüsten Betten mit metallenen Dächern stehen und an ein Lazarett erinnern. Auch da schwingt ein Gegensatz mit, aus kuschelig leichtem Federbett als Ort, an dem im Liebesspiel Menschen gezeugt werden, und aus weltenschwerem tödlichem Gemetzel.

Kiefer hat diese Kontraste zu überbrücken versucht, indem er den Gegensatz zwischen Kunst und Natur aufzuheben suchte. Beginnend Mitte der 1980er-Jahre in seinem damaligen Odenwälder Atelier in Buchen sowie in der Ziegelei Hardheim entwarf er Kunstlandschaften, in denen Geschaffenes und Gewachsenes verschmolz. Bestes Beispiel dafür ist Kiefers spätere Kunstwelt La Ribaute in seinem Bergatelier bei Berjac nahe Nîmes im Süden Frankreichs – eine Welt, in der kaum noch auseinanderzuhalten ist, was dort in den Jahren 1992 bis 2007 gestaltet und was sich selbst überlassen war.

Frühe Werke noch immer aktuell

AdUnit urban-intext2

Gern hätte man dieses Schaffen früh auch schon in Mannheim konzentriert gesehen, wo in den Jahren 2008/09 von einem Kiefer-Museum im Stadtteil Neckarau die Rede war. Der Heidelberger Chirurg und Sammler Joachim Mühling, der Kiefers Atelier im Odenwald gekauft hatte, wollte damals ein Privatmuseum errichten, aber Mühlings früher Tod 2009 setzte diesen Plänen ein Ende. Doch eine Werkgruppe Kiefers war seinerzeit als Leihgabe in der Kunsthalle Mannheim zu sehen: „Pour St. John Perse: Etroits sonst les vaisseaux“ – gestapelte bleierne Bücher mit einem Boot dazwischen, wieder ein Gegensatzspiel aus Starre und Bewegung, aus Schwergewicht und Leichtigkeit.

Zugleich verkörpert dieses Werk, benannt nach dem auf Guadeloupe geborenen Dichter und Literaturnobelpreisträger Saint-John Perse (1887-1975), den poetischen Geist der Ideenwelt Kiefers. Zwar denke er „in Bildern, dabei helfen mir aber Gedichte“, sagte Kiefer in seiner Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels im Jahr 2008 in Frankfurt.

AdUnit urban-intext3

So gedankenversunken mitunter seine Werke wirken, so furchtbar aktuell sind sogar seine frühesten Arbeiten in ihrer Kritik der deutschen Vergangenheit immer noch. Denn der Sumpf des Dritten Reichs, den aus Stroh und Sand die Märkische Landschaft manch seiner Gemälde markierte, bildet unverändert den Boden zeitgenössischer politischer Strömungen. „Die Trümmer nach dem Krieg sind nicht nur Ende, sondern auch Anfang“, sagte Kiefer ebenfalls 2008 in der Frankfurter Paulskirche und warnte vor dem Fortbestand der Vernichtungsgesinnung: „Es gab keine Stunde Null“.

Schau eröffnet Anfang Oktober

AdUnit urban-intext4

Entsprechend haftet seinen Kunstwerken nicht nur eine lyrische Stimmung an, sondern im Gegensatz dazu schwingen immer auch Klänge, Geräusche, Satzfetzen und Töne mit. Mal sind es militärische Befehle, die aus seinen Bildern schreien, mal weht Wind über die Kunstlandschaften oder um die nicht selten mit Flügeln versehenen Objekte, wie auch bei „Walhalla“, wo eines der Betten mit einem Felsen beschwert und mit einem Flügelpaar versehen ist. In Konsequenz dieser Klangkomponente hat Kiefer im Jahr 2009 für die Bastille-Opfer in Paris, wo er seit einem Dutzend Jahren lebt, das Bühnenbild zum Musikprojekt „Au commencement“ (Am Anfang) geschaffen, eine Installation gegen Gewalt und Barbarei.

Und so dürfen sich die Besucher der Kunsthalle Mannheim dieses Jahr endlich auf ein ganz besonderes Ereignis freuen, wenn Kunsthallendirektor Johan Holten im Herbst, am 2. Oktober, die geplante Anselm-Kiefer-Ausstellung eröffnen wird; sie soll bis zum 21. März 2021 zu sehen sein – mithin bis kurz nach Kiefers dann 76. Geburtstag.

Redaktion Geschäftsführender Redakteur und Mitglied der Chefredaktion