Theater Heilbronn - Das Lustspiel "Die Lüge" des französischen Autors Florian Zeller im Komödienhaus begeistert das Publikum restlos Der große Wunsch nach Klarheit und Wahrheit

Von 
Leonore Welzin
Lesedauer: 

Mal angenommen, wir wären plötzlich nicht mehr in der Lage zu schwindeln, zu flunkern, zu mogeln und zu lügen - wie würde unser Tag dann aussehen? Jede Schmeichelei würde sich in eine Beleidigung verwandeln, kein Fettnäpfchen würde ausgelassen und im Nu wären alle verletzt: Freunde, Familie, Kollegen, Geschäftspartner. Sind solche Täuschungsmanöver ein Beweis von Dezenz, von Freundschaft, ja sogar von Liebe? Wirken sie produktiv oder zerstörerisch? Lügen Männer anders als Frauen? Woran erkenne ich eine Lüge, beispielsweise ob mein Partner fremdgeht? Um diese Fragen dreht sich die Komödie "Die Lüge" des französischen Autors Florian Zeller.

AdUnit urban-intext1

Das Theater Heilbronn hat daraus unter Leitung von Alejandro Quintana (Regie) und Stefan Brandtmayr (Bühnenbild) ein kurzweilig spritziges Vierpersonen-Lustspiel gemacht, bei dem von der Besetzung bis zur Technik alles stimmt.

Alice (Judith Lilly Raab) und Paul (Nils Brück) haben das befreundete Ehepaar Laurence (Sylvia Bretschneider) und Michel (Raik Singer) zum Abendessen eingeladen. Kurz bevor die beiden eintreffen, hat Alice plötzlich keine Lust mehr und versucht Paul zu überreden, das Essen abzusagen. Der Grund: Sie habe am Nachmittag Michel gesehen, wie er eine fremde Frau geküsst hat. Unmöglich könne sie mit ihm und Laurence jetzt an einem Tisch sitzen und so tun, als wäre nichts gewesen. Das Problem: Sie weiß nicht, wie sie sich verhalten soll. Hat sie nicht die Pflicht, ihrer Freundin alles zu sagen? Paul ist natürlich dagegen, kann Alice aber nicht überzeugen. Wäre es nicht doch besser, die Freunde kurzfristig auszuladen, um einen Eklat zu vermeiden. Just als Paul zum Telefon greift, klingelt es und die beiden stehen vor der Tür.

Dialoge, angeordnet wie ein Modellversuch, scheinen wie in einem Krimi die Wahrheit ans Licht bringen zu wollen, doch auch nach anderthalb Stunden dieses raffinierten Spiels aus Behauptung und Provokation, aus Argument und Gegenargument, bleibt offen, wer mit wem den Seitensprung, oder sogar eine Affäre hatte.

AdUnit urban-intext2

Große Klasse Judith Lilly Raab in der Rolle der Alice, die das kapriziöse Biest gibt. Sie pocht derart beharrlich auf die Wahrheit, dass dem Zuschauer schwant, dies könnte womöglich eine raffinierte Verteidigungsstrategie sein, um eigene Fehltritte zu kaschieren?

Nils Brück alias Paul versucht zunächst alles, um es seinem Frauchen recht zu machen, doch seine Deeskalationsversuche schlagen fehl. Die beiden Schauspieler (Raab und Brück sind auch im wirklichen Leben ein Paar) verwandeln sich in wesentlich ältere Protagonisten, denen man abnimmt, dass es nach 20 Ehejahren Zeit ist, mental aufzuräumen. Die Vehemenz, mit der sie sich Wortgefechte liefern, spricht dafür, dass Midlife-Krise samt Beziehungsnotstand mit nichts besser bekämpft werden kann, als mit einem Seitensprung. Raik Singer als Michel gibt den idealtypischen Lebemann, bei dem eheliche Treue nicht oben auf der Agenda steht. Mit Sexappeal geizen beide Frauen nicht, aber während sich Alice über Michels außereheliche Avancen echauffiert, bleibt Bretschneider in der Rolle der Gattin absolut cool.

AdUnit urban-intext3

Musikalische Einspielungen zwischen den Akten verbreiten französisches Flair. Kongenial für das temporeiche Spiel sind die Auftritte durch eine unterbrochene Wand aus Milchglas. Auf der Vorderbühne das Wohnzimmer, ausgestatten mit bequemen Sitzmöbeln auf Rollen, die wechselnde Konstellationen zwischen den Personen schnell nachvollziehbar machen.

AdUnit urban-intext4

Wie riesige Tulpenköpfe an gebogenen Stielen beugen sich die vier Lampen über die Szene wie über einen OP-Tisch; sie symbolisieren in ihrer Überdimensionalität den Wunsch nach Klarheit, respektive Wahrheit.

Diese bleibt so unscharf wie der Blick durchs Milchglas: Man verliert zwar die Figuren nie aus den Augen, aber die Konturen bleiben vage, doch die Spannung hält an.

Freie Autorenschaft