Theater Heilbronn - Publikum feiert die Premiere von Koschels "Fundament"-Inszenierung Der Countdown einer Sinnsuche

Von 
Leonore Welzin
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Die "Therapiegruppe" Hannes Rittig (Therapeut Günther) und Anja Schreiber (Bettina Lauterbach).

© Thomas Braun

Auf Bahnhöfen geht es zu wie in einem Taubenschlag. Anonym wird aneinander vorbeigelaufen. Orientierung suchende Blicke kreuzen sich nach Essensresten suchende Tauben. Zufallsbegegnung und schicksalhaftes Ereignis sind selten wie ein Treffer einer kackenden Taube, aber umso nachhaltiger in der Wirkung.

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An einem ganz normalen Frühlingstag, in einer ganz normalen deutschen Stadt skizziert Jan Neumann die letzten zwölf Minuten des Lebens von fünf ganz normalen Bürgern, bevor sie einer Explosion zum Opfer fallen - der Bahnhof wird zur Metapher des Kommen und Gehens.

Starker Bühnenautor

Neumann, Jahrgang 1975, als Schauspieler gefloppt, erweist sich als starker Bühnenautor kleiner Geschichten von großen Dingen.

Am Anfang der Bühnen-Erzählung "Fundament", die im Theater Heilbronn Premiere feierte (Regie: Uta Koschel), segelt einer dieser Friedensvögel (die manche eher als Flugratte sehen), einer Kamerafahrt gleich, über die Köpfe der Protagonisten. Nach anderthalb kurzweiligen, erkenntnissatten Stunden (ohne Pause) zwitschern, trällern und gurren die Darsteller am Ende des Stückes wie in der mythischen persischen Dichtung "Die Konferenz der Vögel".

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Vom Text, aber auch von der sagenhaft klar strukturierten Heilbronner Inszenierung ist das Publikum begeistert. Koschel, die den Text für aktueller als bei seiner Entstehung 2009 (uraufgeführt in Stuttgart) hält, da die Angst vor Anschlägen mittlerweile allgegenwärtig ist, hat die sieben Kapitel für fünf Darsteller (mit wechselnden Rollen) als "Erzählkonzert" inszeniert. Bühnenbildner Tom Musch setzt die Magie der ungeraden Zahlen fort, schafft drei sich nach hinten verjüngende Portale (die der Erzählung quasi einen perspektivischen Rahmen geben) und drei fahrbare Podeste mit leuchtender Rückwand, zwei definieren die jeweiligen Räume, sind Eisenbahnabteil oder Doppelbett für flippige Leben der Studenten-WG.

Da ist Frührentner Walther Röhrig (Stefan Eichberg), der mit einer Stunde Verspätung aus dem Zug steigt. Während der Fahrt hat der einsame Mann seine Mitreisenden mit einem Redeschwall über seine Sinnsuche in sämtlichen Weltreligionen geplagt.

Gefühle liegen auf Eis

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Bettina Lauterbach, Angestellte, Ehefrau, Mutter von zwei präpubertären Töchtern und Bewohnerin eines halb abgezahlten Reiheneckhauses (Anja Schreiber), hastet vorbei. Ein Anruf ihres Mannes hat sie vorzeitig ihren Kurs "Blockaden lösen durch kreatives Malen auf Stoff" abbrechen lassen, nun eilt sie ihrer Familie entgegen.

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Dabei wäre sie gern wie jene elegante Frau, die ihr auf dem Bahnhof entgegen kommt, Marianne Krüger-Kaufmann, Mitte 50, aber viel jünger aussehend (Sabine Unger). Dass die Krüger-Kaufmann gerade auf einen Mann vom Escort-Service wartet, dass ihre Gefühle seit Jahren auf Eis liegen, sieht man ihr nicht an. Sie hält den sportlichen Typen im Smoking für ihren Escort-Mann. Doch nein, es ist Dr. Friedrich Kremm (Hannes Rittig), Besitzer einer erfolgreichen Werbeagentur. Perfekt durchgeplant sein Tagesablauf bekommt er all seine beruflichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen samt allabendlichem Liebesleben mit Frau und guten Gespräche mit den Kindern unter einen Hut.

Kremm erwartet auf dem Bahnhof einen Gast. Nicht einmal ein Taubenschiss auf seinem Smoking kann das Lächeln dieser Fassade irritieren. Schöner Gegensatz dazu ist der Studenten Benjamin Ullrich (Anjo Czernich): "Die größte Scheiße ist, dass ich nicht weiß, gegen welche Scheiße ich jetzt was machen kann", brüllt er und seine verdatterten WG-Mitbewohnern wissen es auch nicht. "Folter, Kinderarbeit, Todesstrafe", "Kampf ums Wasser, das Verschwinden der Arten, die schmelzenden Pole" bis hin zur "Unfähigkeit zu kommunizieren, Dominanz der Medien, Verrohung der Jugend" oder "Rettet die Tauben"? - wofür soll er demonstrieren? Schlussendlich steht er mit leerem Transparent auf dem Bahnhof.

Der Schöpfer des Soundtracks

Sieben, fünf, drei, zwei, eins, der Countdown der Sinnsuche wird am Schlagzeug live, subtil und solistisch von Ferenc Mehl, begleitet. Der Schöpfer des Soundtracks thront auf dem dritten Podest.

Von sanft mit dem Besen gestrichene Becken über den Groove, der die gesprochene Sprache anheizt bis zum explosiven Trommelwirbel schafft er den Subtext des "Erzählkonzertes".

Für das Schauspiel "Fundament" erhielt der Autor den Förderpreis 2011 für Komische Literatur der Stadt Kassel: "Neumanns faszinierende Theatertexte stellen sich einem Zeitalter, das sich in fundamentaler Verwirrung glaubt, auf eine kritische, moralische und dennoch unterhaltsame Weise.

Sie entfalten ein breites Panorama an aktuellen Lebenserfahrungen und kluger Reflexion und beherrschen dabei alle Tonlagen des Komischen bis zu melancholischer Tragikomik" heißt es in der Begründung.

Freie Autorin