Bayreuther Festspiele - Valentin Schwarz ironisiert den „Ring des Nibelungen“ – ein Besuch auf dem Hügel, der leider nie stattfand Das Pilgern zum Maximaljuden

Von 
Stefan M. Dettlinger
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Schreckensbild am Ende der Prügelfuge: Johannes Martin Kränzle (Sixtus Beckmesser) kauert unter der Karikatur eines Judenkopfes. © Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth/dpa

Ist es ein Traum? Ist es Realität? So schwer war es selten. 1,3 Kilometer. Zu Fuß. In Schwarz. Unter der prallen Sonne. Es ist noch nicht einmal besonders heiß. 25 Grad Celsius. Aber tropisch schwül. Das Festspielhaus leuchtet in der Ferne wie die Verheißung auf Erlösung. Frauen in erdenfernen Kleidern huschen feengleich an uns vorüber, begleitet von Männern in Fracks und mit Frisuren, die – zumindest teils – Fragen nach politischen Gesinnungen aufwerfen.

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Bayreuth 2020. Angela Merkel fährt mit einer Limousinenkolonne an mir vorbei. Die Kulisse: Sich im Wind wiegende Baumriesen, Trümmerhaufen schwarz-weiß-brauner Erinnerungen, Riesenkrater, aus denen ein Wust deutscher Geschichte heraufruft. Es ist furchtbar. Und Arno Brekers Richard-Wagner-Büste sieht bei all dem seelenruhig zu.

Wagner ist nicht da

Immerhin: Das Königsportal ist jetzt direkt vor uns. Schweiß rinnt mir von der Stirn. Nicht nur Wagnerianer, Journalisten und emsig nach Ersatzreligion suchende Naturen aus aller Welt pilgern auf den Grünen Hügel. Auch Filmstars und TV-Sternchen, Popper, Rocker und Politiker aus dem In- und Ausland samt EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wollen sie sehen: „Die Meistersinger von Nürnberg“ von Barrie Kosky.

Die Sache wird ernst. 15.50 Uhr. Im Festspielhaus ist es noch einigermaßen kühl. Weder Merkel noch Festspielchefin Katharina Wagner haben sich vor dem Portal eine Blöße gegeben – wobei Wagner das leicht fiel: Sie war nicht da. Sie sei in Reha, hört man. Was sie hat oder hatte – Bayreuth schweigt sich aus. Wagners Musik beginnt so pompös wie kontrapunktisch. Das Orchester, in dem auch aus Mannheim wieder einige sitzen, spielt unter Philippe Jordan besser als zuvor. Alles hat seine Ordnung. „Die Meistersinger“ schnurren vor sich hin wie die Achtzylinder-Limousinen beim Hügelauftrieb, und Klaus Florian Vogt singt wieder makellos den Muster-Stolzing.

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Gegen 19.25 Uhr passiert es. In der Prügelfuge wird nur einer verschlagen: der Jude als hässlich erdachter Prototyp. Dort, wo Wagners Musik wie eine effizient getaktete Maschinerie giftigen Gezeters vor sich hin tuckert, wo sich Lehrbuben, Gesellen und Nachbarn die Köpfe einschlagen und singende Handwerker sich unblessiert aus der Affäre ziehen (möchten), dort richten sie ihn hässlich zu: Sixtus Beckmesser. Sänger Johannes Martin Kränzle ist nicht zu beneiden. Er wird geschubst. Er wird isoliert. Er wird unter ein Gemälde Cosima Wagners gezwungen, gehalten und geschlagen, dann, in einem Akt höchsten Hohns, setzen sie ihm die Fratzen-Maske auf, die alle Klischees vereint: Hakennase, Zöpfe, große Ohren, spitzes Kinn, diabolischer Blick.

Die Uhr im Gerichtssaal des Nürnberger Justizpalastes steht längst auf 19.33 Uhr. Zufall ist das nicht. Dann: Beckmesser, Wagners antisemitisch imaginierter Maximaljude, steht auf, torkelt und zieht sich unter das heißluftballongroße Zerrbild zurück, das sich monumental aufgeblasen hat und sein Ebenbild darstellt. Puh.

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Die Festspiele sind eröffnet, der Erfolg sicher. Bayreuth hat, was Bayreuth braucht: Diskurse auslösende Provokationen, schockierenden Mut, um deutsche Geschichte aufzuarbeiten, das, was Katharina zum Amtsantritt einst versprochen hatte: Aufarbeitung auch und gerade von der Bühne herab, also in der Kunst selbst. Die Menschen sind entsetzt. Kollegen diskutieren. Es ist …wie immer.

Wie eine glänzende Netflix-Serie

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Die Radikalität, mit der der Kult um die Wagnerei betrieben wird, ist kaum potenzierbar. Der Tag steuert so konzentriert auf seinen Höhepunkt von 16 bis 22.30 Uhr zu wie die Messe auf die Kommunion mit der weihevollen Vergabe der Hostie als Surrogat des Leibes Christi an die Gemeinde. Doch ist auch Wagner Surrogat? Ersatzreligion? Droge?

Die kommenden Tage werden noch härter. Mit sechseinhalb Stunden „Meistersingern“ in Hirn und Knochen geht es in „Tannhäuser“, den der Mannheimer Axel Kober dirigiert, dann in „Lohengrin“, und erst dann in die erste Premiere: „Rheingold“, eine der beiden Kurzopern Wagners, die man mit ihren rund 180 Minuten auf einer wagnergestählten Gesäßhälfte absitzt. Man muss allerdings erwähnen, dass „Rheingold“ nur ein Intro zum „Ring des Nibelungen“ ist, die Exposition, der dann mit „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ 13 Stunden folgen.

Die Sitze an diesem Abend sind schon etwas vorgewärmt, wenn Wagner in Es-Dur die Welt erschafft. Bässe rumoren, Fagotte knarzen Quinten, das Horn spielt das Naturmotiv. Regisseur Valentin Schwarz, jung, österreichisch, bricht das schon hier ironisch. Die Welt, die entsteht, ist ein Loch, eine leere Hülle. Menschen bevölkern die schwarze Bühne und suchen nach ihren Rollen. Die Musik macht hier das Kino. Die Rheintöchter planschen, ähnlich wie im Vorgänger von Frank Castorf, neckisch im indigofarbenen Pool. Sie sind ganz Mensch, sieht man davon ab, dass von ihnen im Schwarzlicht lediglich weiße Bikinis und Zähne zu sehen sind. Sobald der Nibelung, Alberich, auftaucht, gerät Leben in die Bude.

Was dann passiert, ist große Bühnenkunst. Zu Wagners leitmotivgetränkter Himmelsmusik entfacht Schwarz einen Kosmos menschlicher Konflikte, Wagners mythologische Collage erzählt er wie eine hochglänzende Netflix-Produktion, in der sich aber die Sänger teils von ihren Figuren lösen und über sie ins Grübeln gelangen. Zu Donners „Bruder, hieher! Weise der Brücke den Weg!“ wird nicht eine wie auch immer geartete regenbogenfarbene Brücke gezeigt, sondern die Pace-Fahne ausgepackt – wohl wissend, dass der antikapitalistische Krieg zwischen Göttern, Nibelungen, Wälsungen und Gibichungen erst begonnen hat. Schwarz bürstet gegen den Strich. Die Version ist radikal und überzeugt. Das Publikum donnert am Ende lang. Ist das real?

Die Bayreuther Festspiele finden in diesem Jahr nicht statt. Der Autor erfindet hier, wie es gewesen sein könnte.

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Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „Mannheimer Morgen“ seit 2006. Er schreibt dort in erster Linie über Musiktheater und Klassik, aber auch über andere kulturelle Thematiken. Im Zentrum seines Interesses stehen vor allem auch die politische und kulturpolitische Berichterstattung. Davor, seit 2000, war Dettlinger Musikredakteur in der Kulturredaktion des „Südkurier“ in Konstanz. Dettlinger ist von Haus aus Musiker. Er studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin am musikwissenschaftlichen Institut bei Hermann Danuser und Wolfgang Auhagen sowie dank eines Jahresstipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Paris bei Michel Béroff Klavier. Den Beginn des Studiums absolvierte er mit dem Musiklehrer-Diplom an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, wo er Klavier, Musiktheorie, Gehörbildung und Komposition in den Hauptfächern sowie Gesang im Nebenfach studierte. Dettlinger stammt aus Stuttgart, wo er Abitur machte und die ersten 27 Jahre seines Lebens verbrachte. Im Herbst 2016 veröffentlichte er im Wellhöfer-Verlag seinen ersten Roman "Linds letzte Laune", der in der Medienwelt spielt.