Würzburg

Initiative junge Forscher Schüler beschäftigen sich mit dem Thema Medizintechnik

Was, wenn der Daumen weg ist?

Würzburg.Manchmal muss man etwas mehrmals versuchen, bis es klappt. Das geht nicht nur blutigen Laien so, sondern auch echten Forschern. Die tüfteln mitunter jahrelang in ihrem Labor, bis sie ein Erfolgserlebnis haben. Wie es ist, ein kleiner Daniel Düsentrieb zu sein, erleben Schüler aus Bayern und Baden-Württemberg durch die „Initiative Junge Forscherinnen und Forscher“ (ijf). Seit 2010 gibt es die in Würzburg etablierte Organisation. Jedes Jahr werden rund 15 000 junge Menschen erreicht.

Bei den ijf-Projekttagen nehmen Schüler physikalische Phänomene unter die Lupe. Sie tauchen in die Geheimnisse der Biologie, der Chemie und der Nanotechnologie ein. Neu ist ein Programm zum Thema „Medizintechnik“. Das hat die Physikerin Mirjam Falge von der ijf entwickelt.

Ungemein aufregend

Vieles, was die Schüler bei den Projekttagen erfahren, ist für sie Neuland. Im aktuellen Programm empfinden es etliche zum Beispiel als ungemein aufregend, mit Hilfe eines Lichtmikroskops echtes menschliches Blut zu analysieren. „Das ist auf einem Mikroskop-Plättchen ausgestrichen“, erklärt Falge. Die Schüler kommen also nicht direkt mit den Tropfen in Berührung. Schauen sie durchs Mikroskop, erkennen sie die roten und weißen Blutkörperchen.

Eine Blutprobe stammt von einem Menschen, der an der in den Tropen verbreiteten Schlafkrankheit leidet: „Wenn man genau hinsieht, kann man die Erreger Trypanosomen als Würmchen erkennen.“

Am zweiten Projekttag stellen die Schüler ihr handwerkliches und technisches Können unter Beweis, indem sie ein eigenes Produkt entwickeln. Wie jedes der vorausgegangenen Experimente ist auch diese Aufgabe in eine Geschichte eingebettet, die sich Mirjam Falge ausgedacht hat. Im Mittelpunkt steht ein Mädchen, das sich nach dem Abi entschließt, ein Jahr lang in der Schule eines afrikanischen Landes zu helfen: „Dort trifft sie einen Jungen, der bei einem Unfall beide Daumen verloren hat.“ Die Schüler sind aufgefordert, ihm eine Greifhilfe zu bauen: „Die allerdings höchstens zwei Euro kosten darf.“ Schließlich lebt der Junge in Afrika, wo Geld Mangelware ist. Bei solchen Projekten ist das Team des ijf jeweils zwei Tage vor Ort. Dazwischen liegt eine Woche, in der die Schüler eine Hausaufgabe zu erledigen haben.

Technisches Wissen

Im aktuellen Projekt werden sie zum Beispiel aufgefordert, wann immer sie dazu Lust und Gelegenheit hatten, ihren Daumen an den Zeigefinger zu binden und zu sehen, wie sie damit im Alltag klarkommen. Wie putzt man sich ohne Daumen die Zähne? Wie bindet man sich die Schuhe? Wie bedient man das Handy? Falge: „Diese Situationen werden fotografiert und zu einer Bildergeschichte zusammengestellt.“ Zu Beginn des zweiten Projekttags präsentieren die Schüler ihre Ergebnisse. Technisches Wissen ist im 21. Jahrhundert unabdingbar. Auf Schritt und Tritt ist der Mensch von Technik umgeben. Schüler für Technik zu begeistern, um Fachkräfte für morgen zu gewinnen, ist laut ijf-Sprecherin Natalie Dees Sinn und Zweck der Initiative Junge Forscherinnen und Forscher, die heuer am 8. Mai in München ihr zehnjähriges Bestehen feiert.

Gesundheitsbranche

Das neue Programm unterscheidet sich etwas von den bisherigen Programmen. „Es wirkt weniger ‚technisch‘“, sagt Mirjam Falge. Doch gerade auch in der Gesundheitsbranche sind Techniktalente gefragt, die neue Produkte zur Steigerung der Lebensqualität kranker und Menschen mit Behinderung erfinden.

Der Europäische Sozialfonds fördert das Projekt ijf, außerdem gehört die Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit zu den Unterstützern. Den ESF-Vorgaben zufolge können die Programme ab der achten Jahrgangsstufe angeboten werden. Das Medizintechnik-Programm ist laut Mirjam Falge für Acht- bis Elftklässler geeignet. Es gibt eine eigene Version für Mittelschüler. Jeweils zwei Klassen sollten das Programm gemeinsam durchlaufen. Gearbeitet wird an jedem Projekttag vier Stunden lang in kleinen Gruppen à drei Schülern. Falge: „Meist kommen wir von der dritten bis zur sechsten Stunde.“

Dass sich Mädchen weniger mit technischen Aufgaben identifizieren können als Jungs, ist im Übrigen ein Gerücht, betont Falge. In einigen Klassen, die sie bisher besucht hat, waren es vor allem Mädchen, die aus Draht, Silikonschläuchen, Schnüren und Einweghandschuhen raffinierte und funktionale Handprothesen ertüftelt haben.

„Der Aspekt des Helfens, der mit diesem Programm verbunden ist, spricht Mädchen in besonderer Weise an“, sagt die promovierte Physikerin. Sie selbst hatte nach dem Abi nicht lange gezaudert, als es darum ging, einen Beruf zu erwählen: Sie brach in die Männerdomäne Physik ein, weil das schon immer ihre Leidenschaft war.