Würzburg

Musik mal anders Lilo Halbleib organisierte das erste Treffen von Veeh-Harfen-Fans in Würzburg

Richtig fetzige Stücke gezupft

Archivartikel

Würzburg.Sie eröffnet sogar hochbetagten Menschen die Chance, selbst Musik zu machen: Die Veeh-Harfe ist leicht zu erlernen, was ihr in den vergangenen drei Jahrzehnten einen wahren Siegeszug beschert hat. In Würzburg existiert eine besonders lebendige Veeh-Harfen-Szene. Lilo Halbleib gehört ihr an. Ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass sich kürzlich zum deutschlandweit ersten Mal Veeh-Harfen-Spezialisten aus allen Teilen des Landes trafen.

Über 50 Veeh-Harfen-Fans kamen im Würzburger Matthias-Ehrenfried-Haus zusammen. Anlass für das außergewöhnliche Event war ein bestimmtes Datum: Vor fünf Jahren begann Halbleib, im Matthais-Ehrenfried-Haus Spielkreise anzubieten. Sie selbst spielt außerdem in drei weiteren Würzburger Gruppen mit. „Wir treten zum Beispiel im Hospiz oder in Altenheimen auf“, erzählt die 69-jährige Musikgeragogin.

Keine Noten lesen

Die Veeh-Harfe ist ideal vor allem für Senioren, die nie ein Instrument lernen konnten. „Sie hatten in ihrer Jugend entweder keine Zeit, oder das Geld fehlte“, sagt Elisabeth Back-Traczinski, die als Veeh-Harfen-Pionierin in Würzburg gilt. Manchmal scheiterte der Wunsch, Gitarre oder Trompete zu erlernen, auch am „Nein“ der Eltern.

Gerade diese Senioren profitieren der 64-jährigen Musiklehrerin zufolge immens von Hermann Veehs Erfindung. Denn man muss keine Noten lesen können, um das Saiteninstrument zu beherrschen. Das liegt daran, dass Unterlegblätter mit aufgezeichneten Noten die Finger führen. Das heißt aber keineswegs, dass die Veeh-Harfe ein „Pipifax-Instrument“ wäre.

Inzwischen gibt es etliche anspruchsvolle Stücke, die flinke Finger und Rhythmusgefühl erfordern. Vor allem gelangen nicht nur musikalisch Unbeleckte an die Veeh-Harfe. „Ich entdeckte das Instrument, als ich auf der Suche nach einem Mandolinenlehrer war“, erzählt die 68-jährige Marlies Laudage. Seit drei Jahren befasst sich die Würzburger Pädagogin mit dem Saitenzupfinstrument.

Beim Fortbildungswochenende im ME-Haus erlebte Laudage die Veeh-Harfe noch einmal neu: „Wir haben richtig fetzige Stücke gespielt.“

Vor allem die „Session“ mit den quirligen Musikdozentinnen Renate Lindemann und Heike Wilde aus Mühlheim an der Ruhr sorgte für Wow-Effekte: Unglaublich, was man aus der Veeh-Harfe alles herausholen kann!

Tolle Klänge

Wo auch immer sie hinkommen, begeistern die beiden Frauen, berichtet Lilo Halbleib. Selbst Hermann Veeh, Erfinder des Instruments, sei im Sommer, als er die beiden zu sich eingeladen hatte, völlig überrascht gewesen, welche Klänge die zwei Musikerinnen „seiner“ Harfe entlockten.

Für die Referenten bedeutete es ein Wagnis, neue Stücke mit einer ihnen gänzlich unbekannten, großen und bunt zusammengewürfelten Gruppe einzuüben. Spielkreise leben normalerweise davon, dass man sprichwörtlich aufeinander „eingespielt“ ist.

Experiment klappte

Doch das Experiment klappte. Im Nu hatte das intergenerationelle Orchester den von Renate Lindemann 2016 komponierten „Boogie“ drauf. Ebenso gut klappte es mit „Ein Mädchen oder Weibchen“ aus Mozarts „Zauberflöte“, das Sebastian Frank aus München einstudierte, sowie mit den neuen Stücken von Veeh-Harfen-Komponistin Lieselotte Blinn.

„Vor allem das mehrstimmige Spielen ist toll“, sagt Hannelore Kaufmann. 2016 wurde die 65-Jährige über einen Zeitungsartikel auf die Veeh-Harfe aufmerksam: „Bis dahin hatte ich nicht gewusst, was das ist.“ Nach nur zwei Jahren hat sich die gelernte Altenpflegerin so viel „draufgeschafft“, dass sie heute ihr Instrument mitnehmen kann, wenn sie zu ehrenamtlichen Einsätzen als Hospizbegleiterin geht.

Erdmann Awolin, 84 Jahre alt, träumte lange davon, einmal ein Instrument von der Pike auf zu lernen. „Zu meinem letzten runden Geburtstag schenkten mir meine Freunde eine Veeh-Harfe“, erzählt der Bauingenieur.

In Gülchsheim absolvierte er bei den Veehs einen Einführungskurs, danach klinkte er sich in den Spielkreis von Lilo Halbleib ein. Nach dem erfolgreichen Treffen in Würzburg soll es weitergehen mit der Vernetzung.

So plant Halbleib für 2021, wenn das derzeit ausgelagerte ME-Haus wiedereröffnet wird, einen deutschlandweiten Veeh-Harfen-Kongress zu veranstalten.

Im besten Fall könnte daraus ein erster, bundesdeutscher Veeh-Harfen-Verband hervorgehen. Denn auch den gibt es immer noch nicht.