Würzburg

Interview Was Schulen aus der Krise lernen können / Gespräch mit Professor Thomas Trefzger, Direktor der Professional School of Education an der Universität Würzburg

„Quarantäne hat auch ihre guten Seiten“

Würzburg.Seit dem 16. März waren in Bayern alle Schulen geschlossen; jetzt kehren die ersten Klassen zum Unterricht zurück. Die erzwungene Quarantäne hat auch ihre guten Seiten, findet Didaktikprofessor Thomas Trefzger.

Professor Thomas Trefzger ist Inhaber des Lehrstuhls für Physik und ihre Didaktik sowie Direktor der Professional School of Education (PSE) der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). Die Aus-, Fort- und Weiterbildung von Lehramtsstudierenden sowie von Lehrkräften, die bereits im Beruf stehen, sind Teil seiner täglichen Arbeit.

Besonders intensiv arbeitet Trefzger momentan daran, neue Konzepte zur Digitalisierung und innovative Lernformate in der Lehrerbildung zu entwickeln und zu erforschen. Dafür hat die JMU im Rahmen des Förderprogramms „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) rund 2,1 Millionen Euro eingeworben.

Herr Professor Trefzger, haben sich in den vergangenen Wochen eigentlich vermehrt ratsuchende Lehrkräfte an die Professional School of Education gewandt, weil sie nicht wissen, wie sie ihre Schüler erreichen können?

Trefzger: Es gibt nur wenige verzweifelte Hilferufe, aber unsere Angebote für Lehrkräfte wurden und werden sehr gerne angenommen. Besonders zu Beginn der Pandemie waren einfache Webinare, in denen wir beispielsweise Videoplattformen vorgestellt haben, stark nachgefragt. Mittlerweile kennen die Lehrkräfte ihre Programme. Jetzt liegen die Probleme eher darin, dass einzelne Systeme bisweilen überlastet sind.

Wie kann die Universität in dieser Zeit helfen?

Trefzger: Durch Webinare, Online-Lehrerfortbildungen und Beratungsgespräche. Aber natürlich auch durch Lehramtsstudierende, die beim Online-Unterrichten unterstützen.

Inwiefern können Studierende dabei helfen?

Trefzger: Die für Lehramtsstudierende verpflichtenden Schulpraktika finden momentan ebenfalls online statt. Die Studierenden helfen dann Lehrern, indem sie Materialien entwickeln oder einzelne Schülergruppen online unterrichten. Das ist zwar nur ein kleiner Beitrag, der aber auch eine Entlastung sein kann.

Niemand hatte mit monatelangen Schulschließungen gerechnet, dann waren sie plötzlich da. Wie gut waren Bayerns Lehrer darauf vorbereitet, ihre Schulklassen zu Hause zu unterrichten?

Trefzger: Sehr unterschiedlich nach Schularten. Am besten vorbereitet waren sicherlich weiterführende Schulen, zum Beispiel Gymnasien. Aber auch dort können nicht vorhandene oder veraltete Technik, der Online-Zugang oder die Datenschutzbestimmungen zum Problem werden. Lehrkräfte sind zum Glück sehr verschieden, manche kommen besser mit der Situation zurecht, manche schlechter. Viele von ihnen hatten mit tollen Ideen innovative Konzepte umgesetzt.

Hätten sie besser vorbereitet sein müssen? Oder erleben wir momentan eine Ausnahmesituation, auf die man sich schlichtweg nicht vorbereiten kann?

Trefzger: Eine bessere Vorbereitung wäre nicht möglich gewesen. Alle, auch die Uni oder die Wirtschaft, waren darauf nicht vorbereitet. Und wenn keine gute Netzverbindung vorhanden ist, oder Schüler keine Handys oder Laptops zur Verfügung haben, hilft es auch nicht, wenn bei Lehrkräften ein fertiges Konzept in der Schublade liegt. Man sieht jetzt allerdings auch, dass andere Länder wie in Skandinavien oder Asien uns einige Schritte voraus waren, weil dort die IT-Ausstattung an Schulen teilweise besser ist beziehungsweise seit vielen Jahren massiv ausgebaut wurde. Dadurch waren diese Länder besser vorbereitet.

Wird die Vorbereitung auf solche Situationen an der Uni in Zukunft ein größeres Gewicht bekommen?

Trefzger: Das ist bereits passiert. Mit dem neu an der Uni eingerichteten Kompetenzzentrum für digitales Lehren und Lernen und dem BMBF-Projekt in der Qualitätsoffensive Lehrerbildung ist es jetzt schon während des Studiums möglich, die zukünftigen Lehrkräfte besser auf den Unterricht mit digitalen Medien und Werkzeugen vorzubereiten und Fortbildungsangebote anzubieten.

Der Bund hat gerade ein 500-Millionen-Euro-Programm zur Sofortausstattung von Schulen sowie Schülern aufgelegt. Ist das der richtige Schritt zum passenden Zeitpunkt?

Trefzger: Geld und Technik alleine helfen nicht. Was jetzt notwendig ist, sind mehr Beratungsangebote für Lehrkräfte, klare Bestimmungen, welche Programme genutzt werden dürfen, und klare Regeln für den Datenschutz. Tatsächlich sind aber viele Schüler technisch nur schlecht ausgerüstet. Oft gibt es nur einen PC oder Laptop im Haushalt, der von den Eltern für die Arbeit im Homeoffice benötigt wird. Manche Haushalte verfügen gar nicht über solche Geräte. Dann unterstützen die Schulen, soweit es möglich ist. Da kann das Programm schon helfen.

Aber es gibt doch bestimmt in jeder Familie ein Smartphone.

Trefzger: Smartphones eignen sich nur bedingt für Online-Lernangebote. Wenn beispielsweise interaktive Bildschirmexperimente oder Arbeitsblätter bearbeitet werden müssen, ist das Display einfach zu klein oder der verfügbare Speicherplatz nicht ausreichend.

Ist das Schuljahr 2019/20 ein verlorenes Schuljahr?

Trefzger: Nein. Schließlich bemühen sich alle darum, den regulären Stoff über Online-Angebote zu vermitteln. Inzwischen können auch neue Lerninhalte Teil des Online-Unterrichts sein. Die Abschlussprüfungen werden stattfinden, die fehlenden Noten für die Schulabgänger werden aus Vorleistungen zu Gunsten der Schüler berechnet. Vieles funktioniert unter den gegebenen Umständen recht gut. Sowohl Lehrkräfte als auch Schüler lernen neue Konzepte, Methoden und Kompetenzen kennen, die sie auch in Zukunft nutzen können. Natürlich fehlt zur Zeit der direkte Dialog.

Werden diese erzwungenen Schritte in digitale Lernformate Ihrer Meinung nach positive Auswirkungen auf den Unterricht nach der Corona-Zeit haben?

Trefzger: Nein, die Lehrkräfte lernen jetzt aus der Not heraus sehr schnell und sehr viel und werden dieses Wissen auch im normalen Schulalltag in Zukunft weiternutzen. Firmen, die jahrelang ein Konzept für Homeoffice oder Online-Tools entwickelt haben, haben jetzt innerhalb weniger Wochen diese Konzepte umgesetzt oder umsetzen müssen. Ähnlich ist es an den Schulen. Wir werden froh sein, uns wieder zu begegnen und auszutauschen, aber einige der Online-Angebote werden sicher zum Schulalltag gehören. uni