Würzburg

Amtsgericht Mutter der verunglückten Tochter und Angeklagter nahmen sich in Arm / Betreuer einer Wohngruppe im St. Josef-Stift trifft keine oder nur sehr geringe Schuld

Nach tragischem Unglücksfall Verfahren eingestellt

Würzburg.Um einen tragischen Unglücksfall im St. Josef-Stift Eisingen (Kreis Würzburg) ging es am Mittwoch vor dem Würzburger Amtsgericht: Ein 49-jähriger Betreuer einer Wohngruppe für Menschen mit Behinderung war wegen fahrlässiger Tötung angeklagt, nachdem während seiner Schicht eine Bewohnerin in der Badewanne zu Tode gekommen war. Nach dreieinhalb Stunden Beweisaufnahme wurde das Verfahren eingestellt: Alle Beteiligten waren sich einig, dass dem Angeklagten keine oder nur eine sehr geringe Schuld an dem Unfall trifft.

Es war bezeichnend für den Prozess, dass sich die Mutter der getöteten Frau und der Angeklagte nach Ende des Verfahrens im Sitzungssaal in die Arme nahmen. Die Mutter trat zwar als Nebenklägerin auf, ihre Vorwürfe richteten sich aber weniger gegen den 49-jährigen Heilerziehungspfleger. In erster Linie ging es ihr darum, auf die mangelhafte Personalausstattung hinzuweisen: „Ich bin der Meinung, dass solche Dinge mit einem besseren Personalschlüssel nicht passieren würden“, sagte sie nach dem Prozess.

Frage nach Personalausstattung

Das hatte die Mutter auch schon während der Beweisaufnahme durch ihre Fragen an den Wohnbereichsleiter des St. Josef-Stifts deutlich gemacht. Unter anderem wollte sie wissen, warum in der Wohngruppe ihrer Tochter außer am frühen Morgen nur ein Betreuer für zehn Bewohner anwesend ist. So auch am Abend des 28. Mai 2018, als der Angeklagte die Frau, die aufgrund ihrer geistigen und körperlichen Einschränkungen unter anderem Unterstützung bei der Körperpflege benötigte, gegen 17 Uhr aufforderte, sich zum Duschen ins Badezimmer der Wohngruppe zu begeben.

Dass er sie dort etwa zehn bis zwölf Minuten unbeaufsichtigt gelassen hat, um Rührei für einen anderen Bewohner zuzubereiten, bezeichnete die Leiterin der Wohngruppe als völlig normalen Vorgang. Die Bewohnerin habe immer relativ lange gebraucht, um sich zu entkleiden: „Wir kannten ihr Tempo. Es war mit Sicherheit nicht damit zu rechnen, dass alles so schnell vor sich geht“, sagte die 59-Jährige.

Nachdem er von einem anderen Bewohner der Wohngruppe alarmiert worden war, fand der Angeklagten die Frau nicht, wie erwartet, unter der Dusche, sondern leblos im mehr als 50 Grad heißen Wasser der Badewanne. Seine Wiederbelebungsversuche waren erfolglos, auch der Notarzt konnte nur noch den Tod feststellen.

Durch das heiße Wasser hatte sie laut Anklage Verbrühungen erlitten und war an Kreislaufversagen gestorben. Im Gegensatz zur Mischbatterie der Dusche war an der Badewanne keine Vorrichtung vorhanden, um die Wassertemperatur auf maximal 45 Grad Celsius zu halten.

Die Anklage ging davon aus, dass der 49-Jährige die Frau in der Badewanne alleine gelassen und dadurch seine Aufsichtspflichten verletzt hat.

Davon blieb nach der Beweisaufnahme nicht viel übrig – unter anderem deshalb, weil die Leiterin der Wohngruppe es für ausgeschlossen hält, dass der Angeklagte das Unfallopfer in die Badewanne gelassen hat, ohne vorher selbst Wasser in der richtigen Temperatur einzulassen.

Damit bestätigte sie die Version ihres Kollegen: Der Angeklagte habe seinen Schützling lediglich, wie jeden Tag üblich, zum Duschen aufgefordert und dann das Bad verlassen, während die Frau sich entkleidet habe, betonte Verteidiger Hanjo Schrepfer: „Er ging davon aus, dass sie wie jeden Tag ihre Dusche nimmt.“

Das sah auch der Vorsitzende so, der die Einstellung des Verfahrens wegen geringer Schuld anregte: „Der Ablauf des Geschehens war vollkommen untypisch und kaum vorhersehbar“, sagte Strafrichter René Uehlin.

Vorgaben und Zwänge

Auch der Anklagevertreter stimmte der Einstellung sofort zu. „Ich beneide keinen der Beteiligten um die Vorgaben und Zwänge, mit denen sie in ihrer täglichen Arbeit umgehen müssen“ sagte Oberstaatsanwalt Jürgen Bundschuh.

Nach Angaben des Wohnbereichsleiters hat die Wohngruppe 4,25 Vollzeitstellen für zehn Bewohner, die auf sechs Mitarbeiter aufgeteilt sind: „Wir legen unseren Personalschlüssel nach bestem Wissen und Gewissen fest. Es war ein schrecklicher Unfall, den wir in unserer Risikoplanung nicht vorhergesehen haben.“