Würzburg

Netzwerk Peripartale Krisen Netzwerk für Krisen rund um die Geburt besteht seit Mitte 2016

Mütter, die nicht glücklich sind

Würzburg.Leon wollte nicht aufhören zu schreien. Den ganzen Vormittag ging das schon so. Tina L. (Name geändert) fühlte sich am Rande ihrer Kräfte. Die Tränen kamen ihr. Warum schaffte sie es so oft nicht, ihr Kind zu beruhigen? War sie nicht fähig, eine gute Mutter zu sein? "Das fragen sich viele Frauen in solchen Situationen", meint Andreas Schrappe vom Evangelischen Beratungszentrum. Doch die wenigsten trauen sich, darüber zu sprechen, wie schwierig die ersten Monate mit ihrem Baby sind.

Mutter zu werden, ist etwas absolut Beglückendes - so verheißt es der "Muttermythos". Doch das stimmt nicht. "Zwischen zehn und 15 Prozent aller Frauen geraten rund um die Geburt in eine depressive Verstimmung, manche bekommen eine echte Depression", sagt Gabi Rottmann-Heidenreich von der Schwangerenberatungsstelle am Würzburger Gesundheitsamt. Zusammen mit Andreas Schrappe engagiert sie sich im "Netzwerk Peripartale Krisen", das im Juni 2016 an den Start ging. Eine Vielzahl von Fachkräften setzt sich in diesem Verbund dafür ein, dass Frauen wie Tina L., die ihr Muttersein als seelisch belastend erleben, früher als bisher Hilfe erhalten.

Tina L. hatte sich sehr auf ihr erstes Baby gefreut. Das Kind war geplant, die Wohnung entsprechend eingerichtet, mit viel Liebe hatte Tina L. während der Schwangerschaft Kleidungsstücke und Spielsachen für Leon ausgesucht. Erfahrung mit kleinen Kindern hatte sie nicht.

Alltag verlief anders

Leon war das erste Baby, das sie jemals in den Armen gehalten hatte. Dennoch hatte sie sich nicht allzu viele Gedanken gemacht, ob sie mit Leon klarkommen würde. Tina L. dachte, dass sie instinktiv spüren würde, was ihr Kind braucht. Doch der Alltag mit dem Baby verlief schließlich ganz anders, als sie sich das gedacht hatte. Nicht zuletzt die schlaflosen Nächte setzten ihr massiv zu.

Drei Monate nach Leons Geburt wandte sich Tina L. an das Evangelische Beratungszentrum, weil sie fürchtete, dass sich ihr Sohn nicht normal entwickelt. Das, sagt Andreas Schrappe, ist typisch: "Die meisten Frauen kommen nicht wegen sich selbst." Im Beratungsgespräch stellte sich allerdings rasch heraus, dass es Tina L. seelisch gar nicht gut ging.

Von ihrer Beraterin hörte Tina L. zum ersten Mal den Ausdruck "Peripartale Krisen". Sie war erstaunt, zu erfahren, dass es jeder siebten Frau rund um die Geburt erst einmal schlecht geht. 300 Frauen sind schätzungsweise pro Jahr in Würzburg von diesem Phänomen betroffen. "Ein Drittel gerät schon in der Schwangerschaft in eine Krise, ein Drittel unmittelbar nach der Geburt, ein weiteres Drittel danach", erläutert Schrappe.

Treffen kann es jede Frau, bestätigt Gabi Rottmann-Heidenreich. Wobei das "Abenteuer Kind" besonders häufig dann in eine Krise mündet, wenn die Mutter keinen Partner hat. Auch finanzielle Not oder mangelnde Unterstützung durch Freundinnen, die eigene Mutter oder die Oma erhöhen das Risiko, in eine Krise zu rutschen.

Als weiterer Risikofaktor werden derzeit Kinderwunschbehandlungen diskutiert. Nach oft jahrelangem Bemühen, schwanger zu werden, sind die mit dem Kind verbundenen Erwartungen teilweise so hoch, dass die Realität, die hinter den Erwartungen zurückbleibt, Depressionen auslösen kann.

Mitunter kann den Frauen durch einfache Tipps gut geholfen werden. Bei Tina L. beispielsweise war das Wichtigste, ihr wieder zu ein paar ruhigen Nächten zu verhelfen. Dafür sorgte ihr Mann. Er nahm sich einige Tage frei, ließ Leon nachts bei sich schlafen und sorgte dafür, dass sich seine Frau einmal richtig erholen konnte. Auch die Gespräche mit ihrem Mann über ihre Verstimmungen taten Tina L. gut. "Vorher hatte sie alles mit sich selbst ausgemacht", schildert Schrappe. Hilfreich war schließlich, dass sich die 28-Jährige einer Freundin anvertraute - die sofort bereit war, Leon hin und wieder zu nehmen, um Tina L. zu entlasten.

Tabu brechen

Im "Netzwerk Peripartale Krise" wollen Gabi Rottmann-Heidenreich und Andreas Schrappe das Tabu brechen, das mit Depressionen rund um die Geburt verbunden ist. "Keine Frau muss sich über Wochen hinweg quälen", betont Schrappe. Frauen könnten sich an viele Anlaufstellen wenden, die bei Krisen rund um die Geburt helfen. Dazu gehören laut Rottmann-Heidenreich grundsätzlich alle Schwangerenberatungsstellen: "Denn wir sind, was viele nicht wissen, zuständig, bis das Kind drei Jahre alt ist." Auch Erziehungsberatungsstellen können kontaktiert werden.

Hilfe gibt es außerdem in der Mutter-Kind-Sprechstunde der Psychosomatischen Tagesklinik des Würzburger Uniklinikums. Auch die Uni-Frauenklinik hat eine Sprechstunde für Mütter in seelischen Krisen. Das Aktivibüro der Stadt schließlich bringt betroffene Frauen in Kontakt mit der angeleiteten Gruppe "Krise nach der Geburt. Mütter in seelischer Not".