Würzburg

Pontifikalgottesdienst Bischof Dr. Franz Jung spricht in seiner Jahresschluss-Predigt die Veränderungen im Bistum Würzburg an

Kirche „lebendiger Organismus“

Archivartikel

Würzburg.Bischof Dr. Franz Jung lädt für das Jahr 2021 dazu ein, die kirchliche Wirklichkeit als „Wachstumsangebot“ und nicht als Problemfall zu sehen. Das hat er an beim Pontifikalgottesdienst zum Jahresschluss am Silvestertag im Würzburger Kiliansdom betont.

Er stellte das neue Jahr unter den Satz aus dem Epheserbrief: „Wir aber wollen, von der Liebe geleitet, die Wahrheit bezeugen und in allem auf ihn hin wachsen. Er, Christus, ist das Haupt.“ Für 2021 seien es im Bistum Würzburg die großen Herausforderungen, die 40 Pastoralen Räume zu entwickeln, die Sozialraumorientierung anzuschieben, die Finanzen zu ordnen und den Missbrauch aufzuarbeiten.

Wie der Bischof in seiner Predigt erklärte, wachse die Kirche seit der Menschwerdung Christi und strebe nach der Fülle, die in Christus als dem vollkommenen Menschen verwirklicht ist. „Das geht nur in Gemeinschaft, denn nur in der Fülle der Charismen wird man dem Maß des Gottmenschen gerecht werden. Ein Einzelner kann es nicht.“

Das sei auch dem Apostel Paulus bewusst, der die Kirche als lebendigen Organismus betrachte und dem fraglos klar gewesen sei, dass die Kirche noch im Wachsen begriffen sei. „Wir erleben derzeit eher das Gegenteil“, attestierte Bischof Jung. Kirchliches Leben gehe zurück, Kirchenaustritte nähmen zu. „Aber das gehört zu Wachstumsphasen im Leben: Eine bestimmte Gestalt wird abgebaut, damit Neues wächst.“ Krisensymptome machten offenbar, dass Wachstum anstehe und sich Neues entwickeln wolle. Auch Paulus betone im Epheserbrief, dass Liebe wichtig sei. „Ohne Liebe kein Wachstum“, erklärte der Bischof. Liebe wolle Wachstum, sonst verknöchere sie. Sie fühle, was noch fehle und leide an dem Fehlenden. „Insofern ist Liebe missionarisch und drängt über die eigenen Grenzen hinaus, ohne sich zurückzuziehen oder sich selbstzufrieden zurückzulehnen.“

Genau darum geht es laut Bischof Jung auch bei den Pastoralen Räumen: „Sie sollen unser Denken weit machen und die Augen dafür öffnen, wo wir als Kirche gebraucht werden.“ Die finanziellen Engpässe zwängen zu Kreativität, die Dinge anders zu machen, Altes zu lassen und Neues auszuprobieren. „Die Teamarbeit fordert uns heraus, neu Gemeinschaft einzuüben und sie glaubhaft vorzuleben für und mit den Gemeinden.“ Liebe gebe Zeit, dränge aber auch zur Verwirklichung.

Die von Paulus angesprochene Wahrheit mahne, dass sich jeder Gläubige eingestehen müsse, der Wahrheit Christi noch nicht gerecht geworden zu sein. Wichtig sei auch, im Blick zu behalten, dass „die Wahrheit zu tun ist“.

„Wo die Liebe antreibt zum Wachsen, legt die Wahrheit umgekehrt alle Lieblosigkeit offen: die unbewusste, die strukturelle, nicht zuletzt die bewusste, persönlich zurechenbare Lieblosigkeit als Schuld und Versagen“, sagte der Bischof. Das verlange den selbstkritischen Blick auf die Kirche. Damit verbunden seien die Frage nach der Ehrlichkeit in Sachen Aufarbeitung des Missbrauchs und die Fragen nach Mitbestimmung und Unabhängigkeit der Gremien. pow