Würzburg

Gedenken zur Reichspogromnacht Die Fränkischen Nachrichten sprachen mit Alexander Shif, Jugendleiter im jüdischen Kulturzentrum Shalom Europa in Würzburg

„Ein mulmiges Gefühl bleibt doch“

Würzburg.Der Anschlag auf die Synagoge in Halle Anfang Oktober war für viele ein Schock. Der Antisemitismus in Deutschland nimmt wieder zu, so der allgemeine Tenor. Eine Umfrage des Jüdischen Weltkongresses ergab, dass jeder vierte Deutsche antisemtische Gedanken hegt. Der Gedenktag an die Reichspogromnacht vor 81 Jahren steht damit in diesem Jahr ohne Frage unter besonderen Vorzeichen.

„Leider wieder aktuell“

Alexander Shif von der jüdischen Gemeinde in Würzburg war sich immer bewusst, dass Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft existiert, „wenn auch in der Vergangenheit oft verdeckt“, wie er im Gespräch mit den FN sagt. Umso besorgter macht es ihn, dass antisemitische Einstellungen in der jüngeren Vergangenheit immer häufiger wieder ganz offen zutage treten: „Vor ein paar Jahren habe ich nicht gedacht, dass wir jetzt eine solche Situation haben. Der 9. November ist leider wieder sehr aktuell.“

Shif kam vor 22 Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland, arbeitete zunächst in der IT-Branche und ist heute hauptamtlich als Jugendleiter bei der Jüdischen Gemeinde in Würzburg tätig. In Israel studierte er intensiv den jüdischen Glauben und kehrte dann nach Würzburg zurück, um die Gemeinde vor Ort zu unterstützen.

Shif lebt seinen Glauben offen und trägt auf der Straße, auch in großen Städten wie Berlin oder Frankfurt, seine Kippa. Bis auf einen Einzelfall vor ein paar Jahren auf einem Volksfest in Miltenberg sah er sich persönlich noch keinen antisemtischen Anfeindungen ausgesetzt.

Zentrale Werte und Traditionen

Er möchte den Jugendlichen zentrale jüdische Werte und Traditionen vermitteln. Die wissen natürlich über Themen wie den Holocaust Bescheid, erklärt der aus St. Petersburg stammende Shif. Für die Jugendarbeit sei das aber oft „zu viel“: „Wir wollen nicht, dass die Jugendlichen in diese Opferrolle fallen, die oft in Verbindung mit dem Holocaust steht“, erläutert Shif.

Über Social Media steht der Jugendleiter mit vielen jungen Menschen jüdischen Glaubens in Kontakt. Ein Kommentar nach dem Anschlag in Halle dort sei ihm besonders im Gedächtnis geblieben: „ Die Deutschen manifestierten nach dem Holocaust den Grundsatz ,Nie wieder’. Diese ,Schwelle’ ist längst wieder überschritten“, war da zu lesen. 2015 hatte Shif noch die Vorstellung oder gar Hoffnung, dass er die durch die starke Migrationsbewegung in Europa aufkommenden gesellschaftlichen Konflikte als Jude „von außen“ betrachten könne. Inzwischen geht er aber davon aus, dass die Juden mit in das Zentrum dieses Konflikts gerückt sind.

Von „Teschuwa“, was soviel wie „Umkehr“ heißt, erzählt Shif Jugendlichen bei den Führungen durch das Museum im Shalom Europa im unteren Frauenland: „Im jüdischen Glauben gibt es keine Sünde, die nicht wiedergutgemacht werden kann. Die Deutschen haben sehr viel getan, um das Problem des Antisemitismus zu entschärfen. Die nachfolgenden Generation müssen diesen Weg jetzt weitergehen“, betont er.

Mehr Kommunikation

Nach dem Anschlag in Halle solidarisierten sich viele Menschen mit den jüdischen Gemeinden in Deutschland. Auch in Würzburg nahmen etwa 150 Bürger das Shalom Europa mit einer Lichterkette symbolisch in Schutz. Shif würde sich wünschen, dass der Kontakt zwischen Angehörigen jüdischen Glaubens und der Bevölkerung auch darüber hinaus gestärkt wird.

„Oft sprechen die Leute von Toleranz, das hat für mich aber eher eine negative Konnotation und heißt so viel, dass man einander nur duldet. Ich erhoffe mir aber viel mehr offene Diskussionen und Gespräche, wie wir es schon in interreligiösen Gesprächskreisen mit Christen und Muslimen erleben.“ Auch die Geschichte des Holocausts werde im Schulunterricht aus Shifs Sicht oft zu „vereinfacht“ und „mechanisch“ dargestellt.

„Ich habe zweigeteilte Gefühle“, antwortet Shif auf die Frage, ob er sich als Jude in Deutschland noch sicher fühlt. Einerseits sorge die verstärkte Polizeipräsenz vor dem Gebäude auch nach dem Anschlag für Schutz, andererseits könne man auch gerade deswegen in keiner Weise von Normalität sprechen.

„Ich bin nicht umsonst nach Deutschland gekommen und möchte die Juden hier unterstützen“, hält Alexander Shif fest. Es sei ihm wichtig zu zeigen, dass Minderheiten hier leben und sich frei entwickeln können, ganz egal, was passiert.