Würzburg

Kunstprojekt Würzburger Studierende wollen das Museum am Dom inklusiver gestalten

Drohnen und sprechende Bilder

Archivartikel

Würzburg.Das Kunstwerk wirft für Christine Kummer zahlreiche Fragen auf. Warum schauen die Gesichter so traurig? Will der Künstler dem Betrachter Angst machen? Und was bedeutet der merkwürdige Titel: „Ungehörte Gebete“? Die 37-Jährige, die heute das Würzburger Museum am Dom besucht, würde sich wünschen, dass das Bild irgendwo in Leichter Sprache erklärt ist. Denn so kann sie nichts damit anfangen. Dabei mag sie Kunst: „Ich male selbst gern. Auf ihrer Visitenkarte steht selbstbewusst: „Künstlerin“.

Das Museum am Dom wagt sich an eine schwierige Aufgabe: Ausnahmslos alle Menschen sollen in Zukunft hier Kunst erleben können. Davon ist man aktuell noch weit entfernt. Beim Gros der rund 10 000 Kunstinteressierten, die das Museum jedes Jahr besuchen, handelt es sich um klassische „Bildungsbürger“. Das möchte Michael Koller, der das diözesane Museum leitet, langfristig verändern.

Das heißt in erster Linie, Vorurteile abzubauen. „Menschen mit geistiger Behinderung wie Christine Kummer werden als Museumsbesucher völlig unterschätzt“, sagt der Kunstexperte, der kürzlich zusammen mit Kummer durch das Museum ging und einzelne Bilder betrachtete. Für den Museumsleiter war es das erste Mal, dass er beim Kunstbetrachten direkten Kontakt mit einer erwachsenen Person mit kognitivem Handicap hatte. Es sei, sagt er, ein Erlebnis. In welcher Weise sich Kummer gerade von den großen, farbenprächtigen Werken berühren ließ, fand Koller ganz erstaunlich. Dass die Schweinfurterin bei manchen Bildern eine allenfalls vage Vorstellung hat, was der Künstler sagen will, ist ein „Problem“, mit dem sie nicht alleine dasteht. Gerade abstrakte Werke sind nicht so einfach zu entschlüsseln.

Mit der Frage, wie Zugänge zu den Kunstwerken aussehen könnten, beschäftigten sich Würzburger Studierende beim Studientag „Klartext Kunst“ im Museum am Dom. Beteiligt waren Studierende des Fachs Mensch-Computer-Systeme, der Museologie und der Sozialen Arbeit. Sie diskutierten mit beeinträchtigten Menschen, wie das Museum der Diözese inklusiver gestaltet werden könnte. Technik macht es möglich, dass Besucher unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund ein Kunstmuseum als interessant und bereichernd erleben können.

Informationen zu einzelnen Werken können zum Beispiel über „Sprechende Tastbilder“ vermittelt werden, so die Würzburger Museologin Simone Doll-Gerstendörfer, die den Studientag leitete. „Dabei fährt der Besucher mit der Hand über die Replik eines Kunstwerks, und überall dort, wo der Finger anhält, werden Informationen vorgelesen“, erläuterte Stephan Huber, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Fachs Mensch-Computer-Systeme. Welche Inhalte eingespeist werden, müsse man in Nutzertests herausfinden.

Zu überdenken wäre auch das aktuelle Raumkonzept, merkte Erwin Schmitt ab. Der 66-Jährige aus Würzburg ist seit über den 30 Jahren auf den Blindenstock angewiesen. Sein Handicap hält ihn nicht davon ab, Museen zu besuchen. Schwierig sei dies jedoch immer dann, wenn es kein Leitsystem gibt: „Dann kann man sich als Blinder nicht frei bewegen, denn man hat ständig Angst, dass man an eine Statue stößt und sie umwirft.“

Erwin Schmitt absolvierte den Besuch im Museum am Dom am Arm seiner Frau, die noch einen Sehrest hat. Inklusion allerdings meint, dass Menschen mit Handicap nicht mehr auf die Hilfe und damit auf das Goodwill ihres Umfelds angewiesen sind.

In Zeiten, in denen Kultureinrichtungen aufs Geld achten müssen, sei es nicht einfach, Inklusion umzusetzen, räumt Michael Koller ein. Doch fand er es gut, dass die Studierenden ohne Schere im Kopf Ideen spannen. Teilweise tauchten verwegene Anregungen auf. So schlug ein Student vor, mit Informationen gespickte Drohnen über den Kunstwerken schwirren zu lassen. Steht ein Besucher vor dem Werk, könnten sie auf Augenhöhe heranschweben, so dass ein Mensch im Rollstuhl die Informationen ebenso einfach lesen kann wie ein Zwei-Meter-Mann.

Studentin Sara Mayer fand gut, dass keine Idee tabu war. „Nur so kommt man am Ende zu sinnvollen Zwischenschritten auf dem Weg zu einem inklusiven Museum“, erklärte sie. Nebenbei ist sie in der Behindertenarbeit tätig. Sie weiß, dass es viele Menschen mit geistiger Beeinträchtigung gibt, die sich für Kunst interessieren. Nicht zuletzt deshalb, weil sie selbst malen.

Dieter Kulke, Sozialwissenschaftler von der Würzburger Fachhochschule, wäre dafür, dass Museen nicht nur für Menschen mit Behinderung zugänglich werden, sondern dass hier auch das Kunstschaffen dieser Personengruppe vorgestellt wird. Museumsleiter Michael Koller fand auch diese Idee interessant. „Privat habe ich schon Bilder von geistig behinderten Künstlern angekauft“, erklärte er. Unterschiede zu Werken nicht-behinderter Künstler seien nicht zu erkennen gewesen.